Schichtwechsel in Event-City

Nun sind sie weg, die Gläubigen.

Aber die Party geht weiter.
Kirchentagszelte abgebaut, Würstchenbuden aufgebaut.
Ruck-zuck.
Nicht, das es hier langweilig wird.

Wir feiern den 824. Hafengeburtstag.
Das Gründungsdatum ist zwar gar nicht so klar, aber was macht das schon.
Hauptsache, es wird gefeiert.
Das war bei der ersten richtig großen 800. Hafengeburtstagsfeier noch nicht so allseits anerkannt:

Der Aufwand soll dem Anlaß gerecht werden: Hamburg feiert 800. Geburtstag. Wenn auch nicht die Stadt, so doch der Hafen. Der ist zwar genaugenommen 1155 Jahre alt, aber vor 800 Jahren gab Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, die Elbe zollfrei. Das fand Nazi-Gauleiter Karl Kaufmann 1939 heraus, um seinem Führer den ersten Hafengeburtstag aufzuschwatzen.

Was damals wegen Krieg verschoben werden mußte, kommt heute als Anlaß für eine touristische Superfete zupaß. Die Zahl 800, sagt Wolfgang Rosebrock, Oberspielleiter der Party in der Wirtschaftsbehörde, „ist ein Vehikel, um den Fremdenverkehr zu steigern“.

Wo der Hafen selbst als Faktor für ein Hoch im Norden kaum Zukunft verspricht, soll wenigstens die nostalgische Verklärung der Segelschiff- und Hans-Albers-Vergangenheit etwas abwerfen. Quelle

Ja damals.
Kritische Stimmen hört man heute kaum. Kommerz ist in.

Hamburg zeigt sich dennoch überwiegend mürrisch, läßt die Sonne meistens weg und schüttet ab und an Wasser auf die Gäste.
Kommentar meines menschmengen-fürchtenden Teenies: dann bleibt es wenigstens ruhig.
Das ist wohl Illusion.
Wer feiern will, der macht das auch. Besonders wenn man zu diesem Zweck weit angereist ist : bis zu 2 Mio erwartete Besucher wollen Spaß, futtern, shopping.

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Viele Einheimische gehen lieber in Deckung.
Teuer einkaufen kann man hier immer.

Den Hafen genießen leider gerade nicht.

Was für die Gäste zunächst, sieht man von astronomischen Preisen für Hotelunterbringung und Verpflegung ab, als “ umsonst und draußen “ erscheint, ist es für hamburger Steuerzahler noch lange nicht:

Als „Imageträger“ soll der Hafengeburtstag immer mehr Menschen anziehen, neue „Zielgruppen“ sollen erschlossen werden. Dazu wäre grundsätzlich nur einzuwenden, dass die „Bunte Meile“ des Hafengeburtstages schon jetzt aus allen Nähten platzt. Überaus kritisch ist zudem das eingeplante Defizit in Höhe von 340.000 Euro zu bewerten. Vor dem Hintergrund der „eisernen Ausgabendisziplin“ und der Schuldenbremse wird hier einkalkuliert viel Geld versenkt, das dringend für die soziale Infrastruktur, wie zum Beispiel für die Senioren/-innen-Arbeit oder die Suchtselbsthilfe, gebraucht wird.

Die Bürgerschaft möge beschließen:
Das derzeitige Einnahme- und Ausgabenkonzept für den Hafengeburtstag wird verworfen und ein neues erarbeitet.
Das neue Konzept wird so konzipiert, dass es das Defizit 100.000 Euro nicht überschreitet. Quelle

Ist natürlich abgelehnt, der Antrag. Da waren sich CDU, SPD und FDP einig.

Und so feiern wir dann weiter.
Wird schon jemanden geben, der daran verdient.

Und heute kann man ja sogar völlig unauffällig Kartoffelsalat, Würstchen und Bierchen im Bollerwagen mit auf die Fressmeile nehmen. Nur nicht mit in den xxx…-Beach-Club, der eigens aufgebaut ist.

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Ein bisschen wehmütig denke ich an “ Stamp“ der letzten 3 Jahre …. ein internationales Fest der Strassenkünste, das ebenfalls hier im Stadtteil stattfindet und auch sehr viele Menschen anlockt. Neben Strassenkünstlern aus vielen Ländern ist dort aber auch Mitmachen für örtliche Sportvereine, Schulen usw. angesagt. Höhepunkte: eine Spaßparade

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und der jährlich stattfindende Elbcoast Undergrund Battle, bei dem jugendliche Hip-Hop-Tänzer ihr Können zeigen :

Stamp 2013 – Fehlanzeige : die Finanzierung klappt nicht, siehe hier
Es ist eben kein Geld für alles da, da muss man schon Schwerpunkte setzen.
Zum Glück ließ sich die Hip Hop Unity nicht schrecken und führte parallel zum Kirchentag ihren Battle durch, nur etwas unbeachteter eben.

Und so eine Schiffsparade hat ja auch was….wenn man vorne steht, nett anzusehen.

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Angesichts der nun vermutlich bis Sonntag abend über unserem Viertel stattfindenden Flugüberwachung

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verstehe ich wieder einmal mehr, was es mit dem Namen dieses Stadtteils auf sich hat:

Al(l)- to-na !

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