Naiv

Der Blick von außen

Solange man sich noch irgendwie in der Welt, die sich als normal versteht, bewegt, erkennt man oft gar nicht, wie groß die Kluft zwischen den diversen Parallelwelten in unserer Gesellschaft wirklich noch ist.

Ich erinnere mich an meine querschnittsgelähmte Klassenkameradin, mit der ich die Oberstufe einer Gesamtschule besuchte. Die einzige behinderte Klassenkameradin übrigens während meines insgesamt 15 Jahre andauernden Schulbesuches, die ich hatte. Obwohl ich mit ihr befreundet war, hatte ich kein Bewusstsein davon, was für eine Ausnahme ich hier vor mir hatte.

Mein Studium finanzierte ich zum Teil durch die Ferien-Begleitung von Jugendlichen, organsiert vom örtlichen Spastiker-Verein. Viele Jugendliche waren schwer mehrfachbehindert und hätten eine 1:1 Betreuung gebraucht, andere waren lediglich körperbehindert und waren dort irgendwie für mein Empfinden fehl am Platze. Ich bekam eine Ahnung davon, was es heißt, als Gruppe im Eiscafé unwillkommen zu sein. Oder in der Disco. Das angestarrt werden. Ich empfand eine diffuse Abneigung gegen  diese Separierung , sah gleichzeitig die Erschöpfung der Eltern, spürte die eigene Überlastung, wenn ich versuchte bei 16-Stunden Schichten dennoch freundlich und zugewandt zu bleiben. Die Dimension des Daseins in der Parallelwelt behinderter Menschen wurde mir dennoch nicht wirklich deutlich. Es fühlte sich falsch an aber ich hatte keine Idee, wie es anders sein könnte. „Inklusion“ hätte ich damals für einen mir entfallenen Begriff aus dem verhassten Chemieunterricht gehalten.

Selber dran

Eine kleine Ahnung von der Tiefe der Gräben, die durch unsere Gesellschaft verlaufen, bekam ich, als ich einen Lebensgefährten hatte, dessen Vorfahren den Sklavenhändlern vergangener Tage durch die Lappen gingen und der somit keine westliche Sozialisation  zu bieten hatte. Auch wenn viele Freunde aufgeschossen waren, wir waren dennoch eine Ausnahme in meinem Freundeskreis, denn niemand sonst  hatte eine binationale Partnerschaft mit jemandem außerhalb unseres Kulturkreises. Noch nicht mal einfach nur gute Freunde. Außer vllt. den einen oder anderen Wissenschaftler, aber niemals jemanden, der hier einen von den miesen Jobs, die wir für Migranten bereit halten, machen muss. Mehr und mehr wechselte mein Umfeld. Meine alten Freunde besuchte ich meist allein.

Der nächste Bruch kam mit der Elternschaft. Das erleben wohl alle Eltern: auf einmal passt der alte Freundeskreis nicht mehr, man schließt sich anderen Familien mit Kindern an. Nach einiger Zeit passte für mich dann die Untergruppe „Alleinerziehend“.
Erst die letzte Gruppe basierte nicht nur auf kulturellen Gewohnheiten, sondern vor allem auf den unterschiedlichen Ressourcen, die uns zur Verfügung standen.

Einen weitaus größeren break aber brachte die unterschiedliche Entwicklung meines Kindes im Vergleich zu anderen Kindern. Noch lange nicht war von Behinderung die Rede, aber es passte so vieles nicht, wir mussten so viele Sonderlocken fahren. Die Menschen in unserem Freundeskreis, die ein ähnliches Leben wie wir hatten, wurden immer weniger. Aber noch war Regelschule angesagt und auch ich schaffte noch immer meinen normalen Arbeitsalltag. Irgendwie zumindest. Nur langsam deutete sich an, dass mit Diagnosen auch ein bestimmter Status verbunden ist, welcher über deine  Möglichkeiten zur Entwicklung und deine materiellen Ressourcen entscheidet. Ungefähr so groß und festgefahren wie zwischen Beamten und prekär Beschäftigten.

Entweder oder

Das Ende der Schulzeit bedeutete endlich das Ende von Mobbing und tägliche Reglementierung zum Normmenschen und noch wussten wir nicht, dass ein weit größeres Monster auf uns wartete: die Bundesagentur für Arbeit nebst Handlanger, die Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen bereit halten.
Entweder, du bringst dann dort den Beweis, dass du für den ersten Arbeitsmarkt taugst (und zwar egal ob dir der aufgestülpte Beruf auch liegt oder nicht), oder du bist raus. Aus der Statistik und aus der Unterstützung. Jeder, der sich da nicht problemlos einordnet, landet in der Werkstatt für Behinderte Menschen. Andere Behörde, anderes Budget. Mit never-come-back-Garantie.
Wenn du an diesem Graben stehst, kannst du dich nur noch entscheiden: keine Unterstützung und irgendwie allein klar kommen, auch wenn das im konkreten Fall bedeutet gar nichts zu machen oder als abeitnehmerähnlicher Beschäftigter für ein kleines Taschengeld langweilige Tätigkeiten unter Bevormundung auszuführen: zum Wohle der immer größer werdenden Wohlfahrtsunternehmen.

Unerwähnt soll hier nicht bleiben, dass einer der größten Gräben, der durch unsere Gesellschaft verläuft, die Spaltung zwischen Arm und Reich, sich auch hier niederschlägt. Mit einer vermögenden Familie im Rücken hat man auch als behinderter Mensch eher  Zugang zu guten Unterstützungsmöglichkeiten und wird vor allem nicht der demütigenden Behördenwillkür ausgesetzt.

Schön geredet

Ich dachte früher so wie die meisten Menschen: da muss es doch irgend etwas passendes geben. Im Sozialstaat. Mit den vielfältigen Anbietern sozialer Leistungen. Den vielen Konzepten. Und ja, auch engagierten Menschen, die wirklich unterstützen wollen. Ich kann es niemandem verübeln, wenn er denkt, wir hätten uns einfach nur nicht genug informiert, noch nicht genug ausprobiert. Auch wenn es nervt und manchmal auch verletzt.
Auch ich hätte niemals gedacht, wie einfach sich unser Staat das macht, das Aussortieren. Da hat sich nicht besonders viel getan in den letzten 40 Jahren. Nur, dass es jetzt netter verpackt daher kommt: es ist die Rede von Rechten statt Fürsorge, von Inklusion statt Aussonderung und von Selbst-statt Fremdbestimmung.  Auch wenn Heimeinweisung heute Wohnen im stationären Bereich heißt, die Krücke Gehhilfe, Menschen wie Autisten zu Personen mit besonderen Fähigkeiten werden, Gehörlose zu Experten für Gebärdensprache usw. Schaut man genau hin, halten diese angeblichen Veränderungen der Realität nicht stand. Noch immer wird für Menschen mit Behinderungen gegen ihren Willen entschieden, müssen sie ihre Rechte immer wieder in langwierigen Verfahren  mühselig  durchsetzen. Greenwashing im sozialen Bereich ist angesagt: verbale politisch korrekte Schönrednerei.

Sogar als Betroffene bin ich immer wieder erstaunt, wie undurchdringlich und gerade die Linie ist, die zwischen voll arbeitsfähig und nicht arbeitsfähig gezogen wird. Es nichts dazwischen gibt. Weiterbildung für nicht voll arbeitsfähige junge Menschen z:B. nicht angeboten wird. Wozu auch ? Raus ist raus. Egal ob jung oder alt.

Von wegen Teilhabe

Ich habe hier des Öfteren über den Irrsinn, eine Diagnose als Voraussetzung für Hilfemaßnahmen für ADHSler, Autisten und andere Menschen, die kein reibungsloses Rädchen im kapitalistischen Getriebe sind, geblogt. hier , hier und hier 

Oft habe ich auch schon darüber geschrieben, dass wir mit viel Mühe, Verständnis, Kreativität und Forschergeist immer wieder Lösungen gefunden haben, die zumindest eine gewisse Lebensqualität ermöglichen und uns den Spaß am Leben grundsätzlich nicht verderben. Dazu hier und hier

Stimmen die Rahmenbedingungen, erleben wir immer wieder Zeiten, in denen alles einigermaßen reibungslos läuft. Vor allem von außen betrachtet. Diese Rahmenbedingungen sind aber meistens starr, wachsen nicht mit.
Beispiel gefällig?
Eine zunächst äußerst stärkende und motivierende Tätigkeit unterfordert auf lange Sicht, überfordert aber zugleich durch äußere Störfaktoren wie Instabilität des Gruppengefüges und damit Tagesablaufs/Arbeitsalltags.
Oder der nächste Entwicklungsschritt raus ins Erwachsenenleben war eine Nummer zu groß und es muss wieder einen Gang runter geschaltet werden.
Aber wohin?

Sollte eigentlich kein großes Problem sein.
Passgenaue Unterstützung kann helfen und weiter gehts.

Träum weiter, liebe LeidenschaftlichWidersynnig.

Nein, nun geht der ganze Spaß wieder von vorn los.
Grundsätzlich sieht sogar die Bundesanstalt für Arbeit ( BA ) , dass Unterstützungsbedarf besteht.
Selbstverständlich müssen dafür Diagnosen her, dazu habe ich mich hier schon ausgelassen.
Klar, der ärztliche Dienst der BA wird dann auch noch einmal bemüht, die Diagnose könnte ja unzutreffend sein.
Macht doch nichts, wenn ein junger Mensch, der sich gerade damit abfinden muss, es nicht allein zu schaffen, jetzt auch noch mal hier und da vorgeführt wird, inklusive Demonstration seiner Defizite in Großformat.
Macht doch nichts, wenn die Mutter, die versucht, trotzdem Mut zu machen obwohl sie darum ringt, den eigenen nicht zu verlieren, zum wiederholten Mal durch die Bürokratie turnen muss.
Macht auch nichts, dass das alles ewig dauert und in dieser Zeit ein junger und im Prinzip motivierter Mensch ohne sichtbare Perspektive gelassen wird.

Was kostet die Welt?

Teenie will flügge werden.
Will raus in die Welt.
Möchte dabei Unterstützung.
Ist bereit, die Kröte “ ich bin behindert“ zu schlucken.
Hauptsache, es geht endlich los.

Niemand der professionellen Unterstützer fragt: was ist deine Idee?
Was brauchst du dazu?

Statt dessen darf Teenie X mal schildern , was sie alles nicht kann, was alles Probleme macht, wird vorgeführt und durchleuchtet und die ganze Familie gleich mit.
Weil die Teilhabe möglichst wenig kosten soll.
Weil eine schlechte, kostengünstige Unterstützung wie Berufsorientierungs-Warteschleifen Alibi genug sind, den sogenannten Anspruch auf Teilhabe an der Arbeitswelt abzufrühstücken.

Denkste Puppe.
Widersynnig wäre nicht Leidenschaftlich wenn sie das hinnähme.
Und Teenie nicht mein Ableger, wenn sie da nicht eigene Vorstellungen zu hätte.

Zu gerne hätte ich weiter über unser Leben mit neurologischer Sonderformatierung geplaudert, ohne diese ständig zum Thema zu machen.
Weil sie NICHT unser Dauerthema ist.

Daraus wird wohl nichts.
Die nächste Runde ist eröffnet.

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Hinschauen

Als es an die Tür klopft, ruft sie: „Herein!“ Vor ihr steht Alima Kiwanika in weißem Kittel, weißer Hose und weißen Schuhen. „Nein, nein, nein!“ Rosa Kaiser sitzt aufrecht im Bett. „Von einer Schwarzen lasse ich mir nicht den Rücken waschen! Fass mich nicht an!“ Alima Kiwanika macht einen Schritt zurück, geht hinaus und schließt für einen Moment die Augen.

Was die KONTEXT Wochenzeitung hier in ihrem Artikel „Gepflegter Rassismus“ beschreibt, wird auch viele der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die es aus bekannten Gründen nicht zur Hochschulreife bringen, treffen.
Die Berufsempfehlung: „geh‘ doch in die Altenpflege“ wird häufig vorgenommen, angesichts der demographischen Situation in Deutschland. Nicht jede(r) möchte in’s Büro, nicht jede(r) in Handwerk und Industrie und mit Kindern kann auch nicht jede(r).
Außerdem scheint die Pflegebranche zumindest eine Zukunft zu haben.

Schlimm genug, dass es noch immer viele Menschen mit rassistischen Einstellungen gibt.
Skandalös jedoch, dass sich weder Arbeitgeber noch Kolleg_innen dazu berufen fühlen, die von rassistischen Übergriffen getroffenen Kolleg_innen/ Mitarbeiter_innen zu schützen und zu unterstützen.

Sollte Inklusion jemals auch im Berufsleben greifen, ist ähnliches ebenfalls denkbar, wenn Menschen mit Behinderung vermehrt in der Pflege tätig wären.

Umdenken.
Hinsehen.
Thematisieren.
Unterstützen.

Das ist das Mindeste, das wir alle tun können.
Und – anders als beim tätlichen Übergriff – noch nicht einmal gefährlich.

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Wenn niemand Beine hätte, gäbe es keine Treppen …

Inklusive Arbeitswelt – mit Handicap voran lautete der Titel einer Fachtagung für betriebliche Interessenvertretungen Ende August zum Thema Inklusion in der Arbeitswelt.

Mit ca. 200 TeilnehmerInnen war die Tagung gut besucht.
Erfreulicher Weise neben den Schwerbehindertenvertretungen auch von etlichen Betriebs-und Personalräten.

Eröffnet wurde die Tagung mit markigen Worten: Inklusion sei ein Menschenrecht. Die Vorenthaltung der gesellschaftlichen Teilhabe Verfassungsbruch. Sie forderten zum Sturm gegen die Barrikaden in den Köpfen vieler Menschen, die Inklusion mit Illusion verwechseln, auf.

Wer noch nicht so im Thema war, wurde durch einen einführenden Vortrag über die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen ( UN-BRK ), einer entsprechenden Konkretisierung der Menschenrechte, schlau gemacht.

Inklusion über den Tellerrand gedacht.

Das Highligt des Tages aber kam aus einer Ecke, die ich eher nicht erwartet hatte:

Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin überzeugte nicht nur durch seine außergewöhnlich eloquente Vortragsart, sondern vor allem mit guten Argumenten.

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Das kleine Wörtchen „normal“ war ohne entsprechende Gestik von Lob-Hüdepohl nicht zu hören.

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Im Einklang mit dem Gebärdendolmetscher ….

In seinem Beitrag Von “ auch-“ zu “ nur- “ Kompetenzen stellte Prof. Lob-Hüdepohl dar, wie wichtig es ist, von der „Normalisierung“ von Menschen mit Behinderungen weg zu einer Haltung und eines Prozesses der Zulassung und Förderung von Vielfalt zu kommen.
Normalisierung sei letztlich nichts anderes als eine heimliche Defizitorientierung.

Er wies mehrfach darauf hin, dass es in diesem Prozess durchaus Interessenkonflikte geben könne. Personal-, Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen wissen, was er meint.

Diese zur verharmlosen oder zu vertuschen, nütze niemandem.

Gleiches gelte für den Umgang am Arbeitsplatz untereinander. Mit dem Begriff „fürsorgliche Belagerung“ (1) beschrieb er, wie gut gemeinte Hilfestellungen ins Gegenteil verkehrt werden.

„Ein Wegweiser soll nicht im Weg stehen“ – ein deutlicher Appell an alle, Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen, nicht zu bevormunden und echte, zufriedenstellende Lösungen zuzulassen/ zu suchen.

Inklusion ist kein Nischenthema

Inklusion geht nur gemeinsam.
Unsere Überlegung darf nicht sein: was geht nicht, wenn du so oder so bist, sondern: was geht und wie?

Nicht Menschen mit Behinderungen müssen sich anpassen. Gemeinsam müssen wir schauen, wie wir Dinge möglich machen, die wir uns kaum vorstellen können. Die Mauern in den Köpfen einreißen. Menschen mit Behinderungen sind nur eine von vielen Gruppen, die durch Inklusion zu gesellschaftlicher Teilhabe und Teilgabe kommen können.
Es geht eben nicht um „Normalisierung“ des Anders- ,sondern um Akzeptanz des Verschiedenartigen.
Diese Haltung kam ebenfalls in der Abschlussdiskussion zum Ausdruck, in der erfolgreiche Beispiele aus Hamburger Betrieben/Behörden geschildert wurden.

Alles in allem eine gelungene Tagung, wenn auch noch ein weiter Weg vor uns liegt.
Schön, dass Inklusion nicht immer nur im Zusammenhang mit Schule gesehen wird.

Wer die Vorträge von Ingrid Körner zur UN-Konvention und Prof.Dr. Lob-Hüdepohl nachlesen möchte, wird auf der Homepage der Beratungsstelle Handicap bei Arbeit und Leben DGB/VHS e. V. fündig.

(1) dieser Begriff gefällt mir wirklich gut. Lange Zeit haben wir ( leider erfolglos) versucht, Lehrern und Sozialpädagogen, die eigentlich ganz nett waren und meinem Kind helfen wollten, klar zu machen, dass ihre Art zu helfen eher störend war – weil sie letztlich nur Hilfe zur Anpassung war, mitleidsvoll und aufdringlich. Dementsprechend hat mein Kind diese Art von “ Hilfe“ auch nicht angenommen. Was wiederum zu Rat- und Hilflosigkeit der Pädagogen führte.

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Inklusion paradox II

Irgendwann ist Schule Historie und der Schritt in’s Arbeitsleben liegt an.
Berufsorientierung wird an den Schulen heute groß geschrieben, es gibt sogar Zertifikate dafür.
“ Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung“ , das dürfte nicht nur im hiesigen kleinen Stadtstaat so sein.
In der Praxis sieht das dann nicht immer so rosig aus, nachzulesen in meinem Beitrag Reality-Show Bewerbung.

In einer illustren Runde hochkarätiger Verwaltungsbeamter hatte ich kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, die Auswahlinstrumente für zukünftige Verwaltungsangestellte/beamte des mittleren Dienstes präsentiert zu bekommen.
Also für die jungen Menschen, die mit Realschulabschluss oder Abi direkt in die öffentliche Verwaltung wollen.
Für die Akademiker_innen gibt es andere Verfahren.

Nun ist es ja nicht so, dass man sich heutzutage einfach nur bewirbt. Viel zu einfach.
Zukünftige Versicherungssachbearbeiter_innen werden im Klettergarten auf Teamfähigkeit geprüft.
Ach, du würdest Dachdecker_in werden, wenn du schwindelfrei und sportlich wärst?

Also, warum sollte es im öffentlichen Dienst (ÖD) anders sein, immerhin werden diese Beschäftigten von unseren Steuergeldern bezahlt.
Damit nicht unnötig viel Zeit der bereits im ÖD befindlichen Menschen verplempert wird, können Schulabgänger_innen sich in einem self-Assessment selbst checken: C!You macht’s möglich.

Wir bieten Ihnen die Möglichkeit schon vor einer schriftlichen Bewerbung selbst zu prüfen, ob das Berufsbild der Allgemeinen Verwaltung Ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Erleben Sie uns spielerisch, interaktiv und anonym!

Wird in der ersten Runde noch gespielt, muss sich der/die selbst-gecheckte/r Kandidat_in im nächsten Schritt daran machen, eine Bewerbung zu schreiben.
Mit ein wenig Glück landet diese nicht bei den 50% für die Rundablage bestimmten.
Sondern es geht weiter zum Präsenz-Eignungstest.

Psychologische Eignungstestung

2 sehr kompetente junge Psychologinnen klärten die Beamtenrunde nebst mich darüber auf, was es damit auf sich hat. Natürlich keine Persönlichkeitstestung, es geht nur um Leistung. Alles streng nach DIN XYZ.
Soll jetzt alles elektronisch gemacht werden.
Das fänden die jungen Leute toll.
Und die Auswertung sei schneller. Mühsames Schablonen-Auflegen entfalle.
Das Ergebnis sei 4 Tage früher da. Was für eine Verbesserung.
Da wird die Privatwirtschaft aber staunen.

Wer sich im Test als geeignet zeigt, darf dann endlich ins Assessment.
Dort dann noch mal 3 Testblöcke in der Gruppe.

Selbstverständlich ist Chancengleichheit garantiert. Schwerbehinderte können sich vorab melden und bekommen ihrer Beeinträchtigung entsprechende Testbedingungen.

Wer all‘ diese Hürden geschafft hat, darf in’s Vorstellungsgespräch.
Ein echter Dialog, wie ging das nochmal?

Bestenauslese

Beste/r schon vor Ausbildungsbeginn.
Im Eignungstest sicher an der richtigen Stelle das Kreuzchen gemacht.
Nicht zu nervös gewesen.
Im Assessment sozialkompetente/r Tonangeber_in.
Oder gute/r Schauspieler_in.

Wird dieser Mensch seine Arbeit mit Hingabe machen? Wird er ein zuverlässiger Kollege sein?
Was bringt er besonderes ein, in’s Team?

Inklusion!
Tönt es in jeder Sonntagsrede unserer örtlichen Politiker_innen.
Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Verwaltung soll erhöht werden. Niemand verloren gehen.

Was ist mit den Menschen, die etwas Zeit brauchen, um in eine Aufgabe hineinzuwachsen?
Denen man die Möglichkeit geben muss, sich an der Aufgabe zu entwickeln?
Die in Tests schlecht abschneiden, in der Praxis aber überzeugen können?
Ohne anerkannte Schwerbehinderung, aber dennoch durch ein so dermaßen standardisiertes Auswahlverfahren ohne Chance sind?

Mit anderen Worten: jenseits der Norm?

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Inklusion paradox I

Menschen, die ihre Umwelt anders erleben, bewegen sich in einer Gruppe, z.B. Schulklasse, anders als ihre Mitschüler_innen.

Hochsensible entziehen, zapplige bewegen sich, autistische erstarren. Sie halten sich die Ohren zu, geben den Klassenclown, sitzen unter dem Tisch, träumen sich weg, werden aggressiv.
Das alles erfolgt nicht absichtlich. Sie machen sich damit richtig, können auf diese Weise bei sich selbst bleiben.
Wer mit diesen Kindern zu tun hat weiß, dass sie oft selbst am meisten darunter leiden, den (schulischen) Ansprüchen an ihr Verhalten nicht gerecht zu werden.
Sie empfinden sich häufig als „nicht richtig“, schlecht und böse.
Sie sind traurig, dass sie die Lehrer_in\ Eltern immer so enttäuschen.
So sehr sie sich auch abmühen,nie gelingt ihnen angemessenes Verhalten wirklich, bzw. nur unter großer Anstrengung und nicht auf Dauer.

Wenn es in einer Schulklasse drunter und drüber zugeht, ist das für niemanden gut.
Am wenigsten für die kleinen „Andersweltler“ .

Wie also wird in Zeiten der Inklusion ein gutes Lernklima für alle Kinder hergestellt?

Vorsicht! Zeiträuber!

Du hast uns heute wertvolle Lernzeit gestohlen, indem du

> wiederholt den Unterricht gestört hast
> dich nicht schnell, leise und ordentlich aufgestellt hast
> nicht pünktlich in den Unterricht gekommen bist
> deine Hausaufgaben nicht vorzeigen konntest
> dich mit anderen Kindern gestritten hast
> nicht zugehört hast

Überlege dir bis morgen, wie du es wieder gut machen kannst!
Schreibe Deine Idee auf die Rückseite!

Diese netten kleinen, freundlich aufgemachten und doch vernichtenden Briefchen bekommen Erstklässler_innen hier vermehrt bereits nach 2 Schulwochen ausgehändigt.

Reicht es nicht, dass Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten sich als unfähig empfinden, müssen sie sich nun auch noch schuldig gegenüber der Gruppe fühlen?

Bin ich vielleicht zu kleinlich und das ist gar nicht so schlimm?
Ich zeige Teenie den Zettel.
“ Oh je, dann hätte ich mich ja von Anfang an als Schwerverbrecher fühlen müssen „, sagt eine,
die in 9 Schuljahren nicht 1 mal wegen Störung des Unterrichts gemahnt wurde.

Und ich mich erst !

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Zeit des (raus)fliegens

Pubertät ist wenn die Eltern schwierig werden….. so oder ähnlich titeln Publikationen zum Thema.
Es geht um Konflikte zwischen den Generationen.
Um‘ s losziehen und loslassen.

Jugendliche brauchen das elterliche Unterstützungsnetz immer weniger und wollen es auch nicht mehr.
Eltern müssen damit klarkommen.
Umorientierungen der Kinder sind zu ertragen, ihre eigenen Vorstellungen vom Leben lösen die der Eltern ab.
Zurückweisung ist an der Tagesordnung.
Diese zu verdauen wird damit belohnt, sein Kind bestehen zu sehen.
Jugendliche sind labil aber stark und stapfen mit großen Schritten in’s Leben hinaus.
Alle?

Eltern von Kindern mit größerem Unterstützungsbedarf sind es gewöhnt, über Jahre nicht nur ihren Kindern ins Leben zu helfen, sondern gleichzeitig die separatistische Haltung unserer Gesellschaft auszugleichen.
Wir bringen unsere Kinder noch in den Sportverein, wenn Gleichaltrige schon längst allein dort klarkommen. Und sei es, um für unsere Kinder problematische Pausen oder Umkleidesituationen erträglicher zu machen.
Um unseren Kindern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, sind wir da.
Dort, wo sie uns brauchen. Je älter die Kids werden, desto seltener sehen wir die Eltern ihrer Kameraden.
Wir haben Problemlösungen parat, wo andere kein Problem sehen/haben.
Sind der doppelte Boden. Meist unsichtbar, wir wollen unsere Kids nicht bloßstellen.

Und dann kommt auch für uns die Zeit, in der unsere Unterstützung nicht mehr erwünscht ist.
Und deren Wegfall doch nicht in gleicher Weise wie für andere Jugendliche entbehrlich ist.
Richtungswechsel auf eigenen Wunsch, ein kleines Übel aus elterlicher Sicht.
Schulterzucken und ein “ schade um die Begabung “ ……und loslassen.

Die Karawane zieht weiter

Für unsere Kinder kommt nun vermehrt der Punkt, an dem sie ohne doppelten Boden nicht mehr mitmachen können, auch wenn sie wollen. Sie erkennen es selber, kämpfen ( erfolglos) dagegen an.
Oder es wird es ihnen zu verstehen gegeben.
Unsere Sport-Musik- und sonstwie- Vereine/Gruppen sind nicht inklusiv.
Je Jugendlicher desto Leistung.
Pokale, Preise, Auszeichnungen sind wichtig.
Wer dabei sein will, muss funktionieren. Auch da.

„Dann mach doch wo anders mit“ – tröstende Worte, von denen wir selbst wissen, dass es Beschönigen der Realität ist.
Wo denn?

Unseren Kindern wird nicht nur die Teilhabe, sondern auch die Teilgabe verwehrt.
All‘ die tollen Fähigkeiten, Stärken, Begabungen bleiben ungesehen und ohne Möglichkeit, in eine Gemeinschaft einzufließen.
Das macht es so bitter.
Vom individuellen Schmerz darüber will ich gar nicht erst anfangen…
Die Bedeutung der kleinen, (inklusiven ) Familienwelt nimmt für unsere Jugendlichen ab.
So soll es sein.

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Sie wird ersetzt durch …. nichts?

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Unter(m) Strom von A nach W

Mein Job führt mich heute aus dem mir vertrauten Stadtteil A in die mir relativ unbekannte Gegend, die 1962 durch die große Stumflut bekannt wurde: W.
Mit einer kleinen Startverzögerung, resultierend aus der Notwendigkeit mütterlicher Assistenz starte ich per Velo in Richtung Hafen.
Hamburgs teuerste Baustelle, von weitem sichtbar trotz morgendlich-herbstlichem Dunst.
Ein Luxus-Anblick, in mehrfacher Hinsicht.

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Elbtunnel, der alte.
Runter geht’s mit dem Personenaufzug.
Die Frühschicht ist schon durch, nun radeln hier nur vereinzelte Büromenschen entlang.

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Der freundliche Liftführer nimmt uns mit dem Autoaufzug mit nach oben.
Ein selten gewordener Arbeitsplatz.

Ich habe keine Ahnung, wie ich genau zum Veranstaltungsort komme.
Ich nehme es gelassen, heute bin ich nur Teilnehmerin einer Tagung.
Mein Navi lässt mir die Wahl zwischen Auto und Fußgänger. Fahrräder kennt es nicht.
Erst Recht keine barrierefreien Wege.
Ich entscheide mich gegen die Hauptstrassen.

Industrieromantik.

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Die morgendliche Fahrt durch den Freihafen erinnert an frühere Ausfahrten mit meinem Motorrad, der Sonne entgegen. Ja damals…..

Gefühlt müsste ich abbiegen, aber das Navi sieht das anders. Mit der Folge, dass ich die vom Navi befohlene Strasse nicht finde und Bekanntschaft mit „Lands End“ mache.

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Retour.
Irgendwie schaffe ich es, aus dem Brücken-Kreuzungs-Gewirr heraus zu kommen und meinen Weg wie gewünscht auf dem Hauptdeich fortzusetzen.

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Die Zeit wird knapp.
Ich verliere noch 2 Mal den rechten Weg….und genehmige mir dennoch den einen oder anderen Klick.

Ich werde zu spät kommen.
Wie so manches Mal Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten aufgrund einer Behinderung.
Wie wäre es, wenn ich häufig auf dem Weg zur Arbeit in dieser Weise ausgebremst würde?
Hätte ich die Gelassenheit, mich neu zu sortieren oder würde ich in die Nähe von Panik oder Lähmung kommen?
Ich spüre den Druck und versuche, ihm nicht nachzugeben.
Mir macht Zeitdruck nicht viel aus, ich gehöre eher zu den Menschen mit eingbautem Turbo.
Aber langfristig betrachtet tut auch mir das nicht gut, was ich schon einmal bitter zu spüren bekam.

Achtsamkeit.
Diese Tagung möchte ich nicht schon abgehetzt und genervt beginnen.
Ich bin da.

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Glück gehabt: die ersten 30 Minuten war Zeit für Kaffee und Stöbern an den Info-Ständen.
Ich fiel nicht unangenehm auf, musste mich nicht für meine Orientierungslosigkeit entschuldigen/rechtfertigen, konnte mich entspannt und guter Dinge zu den Pünktlichen gesellen und meinen Kopf auf „input“ einstellen.

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Mehr über diese Tagung gibt’s demnächst.

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B-wort und auch-Diskussion

Gestern hörte ich sie wieder, die Frage, die mich jedes Mal in einen emotionalen Strudel von Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Zweifel stürzt.
Was ich mir selbstverständlich nicht anmerken lasse, höre ich sie doch seit vielen Jahren.
Immer dann, wenn die Welt draußen meinem Teenie klar macht: du gehörst nicht richtig zu uns.

Ein “ Lückenkind „, das weder in die Schule passte, noch zu den Schulabbrechern mit überwiegend sozialen Schwierigkeiten gehört und nun dennoch in deren Mitte versucht, für sich einen Weg zu finden.
Das in einer Musikgruppe spielt, in der nur Gymnasiasten sind, die neben der Schule auch noch Kraft für Einzelunterricht , Auftritte und andere Hobbys haben. Belastbar eben.
Das nicht in einem Schonbereich leben möchte und doch in der Welt der Neurotypischen Menschen immer wieder an (seine) Grenzen stößt.

Mum, hättest du lieber ein anderes Kind gewollt?

Ja, Pubertät ist für diese Art Fragen typisch, meist jedoch als Vorwurf an die elterliche Instanz gerichtet: ihr hättet wohl lieber so ein braves Vorzeigekind bekommen …usw.
Wenn’s nur Pubertãt wäre, hätte diese bei uns schon im 4. Lebensjahr begonnen.

In ihrer Frage kein Hauch von Vorwurf.
Unsicherheit, ganz tief.
Wieviel elterliche Liebe und Akzeptanz braucht mein Kind, um sich unserer/ meiner sicher zu sein?
Darin verborgen auch Tennies Wunsch, eine Andere zu sein, nicht besonders…. und doch wieder nicht.
In diesen Momenten, wenn Teenie stinkwütend nach Hause kommt, verzweifelt an sich und an diesem vertrackten Leben, das sie nicht dort hereinlässt, wo die anderen sind, bleibt uns nur das Bündnis gegen Konventionen, die nicht richtig sind, gegen Maßstäbe, die nicht die unseren sind und wenn wir es schaffen : der Blick auf Fähigkeiten, von denen all die Menschen, die diese Maßstäbe aufstellen, da draußen noch nicht einmal ahnen, dass man sie haben kann.

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Während Teenie schon längst über den akuten Frust hinweg ist und sich den schönen Seiten des Lebens zuwendet – chillen bis der Arzt kommt – bin ich immer noch mit dem Unverdaulichen beschäftigt.

Meine Elterni schickt einen Artikel aus Die Zeit herum.

Dass es dich gibt
…..Das Wort »Behinderung« nehmen wir lange nicht in den Mund. »Das B-Wort«, sagt mein Mann. Als brächte es Unglück, es auszusprechen…..

Er kommt gerade richtig, auch wenn wir eine nicht sichtbare – und viel mildere – Thematik haben. Dennoch erkenne ich mich in Vielem wieder.

Um wie viel diffiziler die Problematik bei Beeinträchtigungen, die nicht sichtbar sind, ist, zeigt eine Diskussion um das kleine Wörtchen „auch“ im Blog aspergerfrauen.

„Du fährst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil du die vielen Menschen und das Gedränge nicht ertragen kannst? Ich mag das auch nicht und muss trotzdem jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit fahren.“
Würde jemand zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Du fährst nicht mit dem Zug, weil es an der Haltestelle keinen Aufzug gibt? Ich mag es auch nicht, Treppen zu Fuß hinaufgehen und fahre trotzdem jeden Morgen von dieser Haltestelle aus zur Arbeit.“? Wohl kaum.

Neben vielen Verletzungen und des Gefühls, von niemandem verstanden zu werden, welches dieses Wörtchen uns oft gebracht hat, empfinden wir es heute doch eher als hilfreich.
Man kann Menschen leichter etwas klar machen, wenn man an ihr eigenes Empfinden anknüpft:
“ Stell dir vor, du hattest Fieber, bist nun ganz wackelig auf den Beinen, musst aber einkaufen gehen. Während dessen fragt dich jemand das große 1x1ab. Du versuchst natürlich, alles richtig zu beantworten. Wie geht es dir damit? “ – Und stell dir jetzt mal vor, dass es für dich fast jeden Tag den ganzen Tag so ist…..“
Nicht so schwer.
Auch …kann ein gutes Wort sein.

Ihr wisst sicherlich, was ich meinem Kind geantwortet habe.
Und es stimmt, aus tiefstem Herzen.

Was ich aber nicht gewollt habe, sind die in den beiden Quellen zum Ausdruck kommenden Rahmenbedingungen.
Teenie ist ein Kind dieser Zeit – mit ihren vielfältigen medizintechnischen Möglichkeiten, über die sie selbstverständlich liest und hört. Und sich Gedanken macht.

Das bringt einen ganz besonderen Zungenschlag in die Frage: hast du mich lieb so wie ich bin?

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Der akzeptierte Kauz – vom Aussterben bedroht

„SAP stellt gezielt Autisten ein“

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Diese Nachricht ging in den letzten Tagen über die Presseticker.
Eltern diagnostizierter AutistInnen mit Affinität zur IT freuen sich. Autismusverbände auch.
Das ist verständlich. Zu viele AutistInnen bekommen keine echte Chance, ihre Fähigkeiten in ein gutes geregeltes Gehalt umzuwandeln.

Einen besonderen und m.E. nicht zu unterschätzenden Aspekt hat Johannes Drischel in einem lesenswerten Artikel eingebracht:

Man sollte nur nicht annehmen, dass diese Idee neu sei und dass noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen sei. Es sind nämlich die Autisten selbst, die schon seit langem und ganz von alleine zu SAP, zu BASF und meiner persönlichen Erfahrung in meiner Beratungs- und Seminarpraxis nach, zu VW und dort jeweils in die Entwicklungsabteilungen finden. Nur sind es überwiegend keine diagnostizierten Asperger Autisten, die dort an den PCs sitzen und hervorragende Arbeit leisten. Es sind atypische und hochfunktionale Autisten und es sind hochbegabte Menschen, die dem Autismus-Spektrum nahe stehen.Quelle

Lesenswert auch dieser aktuelle taz-Artikel über Peter Schmidt, promovierter Geophysiker, Autist und bei SAP vor 15 Jahren nicht eingestellt.

Die Möglichkeit, das zu schaffen, ist jungen Menschen aus dem Autismus-Spektrum heute jedoch stärker verwehrt. Wer heute in der Schule auch nur irgend etwas nicht so macht, wie alle anderen, wird nicht nur schief angeguckt, sondern an diverse Diagnose- Maschinen überwiesen.
Selbst Kleinigkeiten werden als “ Auffälligkeiten “ thematisiert, mit dem Kind, in der Klasse , mit den Eltern.
Der Druck zur Konformität ist enorm gewachsen. Auf die Betroffenen Kids, auf die Eltern.
Der Kauz muss repariert werden oder gelabelt.

Hier nur ein kleines Beispiel von „Toleranz“ zu Zeiten der Inklusion im Klassenraum, dem ich noch viele beifügen könnte:

Klassenarbeit. Ein Text muss gelesen werden. Nach dem Lesen muss er umgedreht auf den Tisch gelegt werden. Alle SchülerInnen fangen zur selben Zeit mit der Bearbeitung an.

Wie geht es SchülerInnen , die Texte geradezu rasant sinnentnehmend „inhalieren “ können?
a) “ …du kannst noch gar nicht fertig sein. Lies weiter …“ – also so tun als ob.
b) während des langen Wartens auf die anderen gehen die Gedanken spazieren, weg vom Thema. Neu lesen während der “ Schreibezeit“ : “ fang jetzt mit Schreiben an „…blabla

Folge : Irritation durch Störung des Arbeitsprozesses, schlechte Note.

Die Luft wird dünner für Menschen mit Besonderheiten.

Die Schule soll Kinder passgenau fürs Arbeitsleben machen.
Das klappt schlechter als gewünscht, weshalb viele Wirtschaftsunternehmen und deren Lobby kurze Ausbildungsgänge und Studiensysteme befürworten: dann können sie die jungen Leute selbst passend machen.

Der Freiraum, sich selbst für ein Berufsfeld passend zu entwickeln, wie die oben beschriebenen
“ wilden “ Autisten , schrumpft.

Dass SAP aus reiner Nächstenliebe heraus handelt, wäre mal was Neues.

Dennoch : Einige werden eine Chance dadurch bekommen, was gut ist.

Im Übrigen gibt es auch viele Menschen aus dem Autismusspektrum, die mit IT nicht viel am Hut haben. Nur zur Erinnerung.

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