Zwei in Einem

Nun habe ich endlich mal ein Buch in die Finger bekommen, in dem es um Autismus und ADHS geht. Meist werden diese Seins-Formen ja gesondert behandelt. Dabei sind beide oft miteinander vergesellschaftet. Nicht nur im neuropsychologischen Sinne.
ADHSler sind häufig befreundet mit Autisten und umgekehrt, in vielen Familien kommen beide Prägungen vor.

Mit seinem Buch Autismus und ADHS – zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit geht  Prof.Dr.med. Ludger Tebarg van Elst der Frage nach,  wo die Grenzen zwischen Normvariante, Störung und psychischer Erkrankung verlaufen. Autismus steht dabei exemplarisch im Vordergrund, ADHS wird in einem eigenen Abschnitt behandelt und Parallelen zu Tic-Störungen werden immer wieder aufgezeigt.

Aber darf man Autismus oder ADHS überhaupt als Normvariante begreifen?
Das subjektive Empfinden von nicht so schwer betroffenen Menschen im Spektrum und solchen mit guten Rahmenbedingen im sozialen Umfeld plus individuellen Kompensationsmöglichkeiten geht sicherlich eher dahin, die eigene neuropsychologische Sonderformatierung als Normvariante zu sehen.
Ich habe hier schon oft betont, wie fatal ich es finde, nötige Unterstützung nur im Rahmen des Therapie-Business zu bekommen und sich damit als krank definieren zu müssen ( definiert zu werden). Diese unpassenden Hilfen taugen meist wenig, denn sie schießen über das Ziel hinaus. Praktische Unterstützung bei der Alltagsbewältigung (oft bei den kleinen , „einfachen “ Dingen) wäre oft besser und nachhaltiger.

Viele Menschen im Spektrum kämpfen jedoch mit massiven Einschränkungen. Dieses Leid darf nicht klein-geredet werden, nötige medizinische und soziale Unterstützung nicht beschnitten werden.
Das sieht auch der Autor und geht am Ende des Buches ( S. 154) auf diese Befürchtungen ein. Er macht deutlich, dass seine Intention in die andere Richtung geht: differenzierte Betrachtung ohne Leid zu verharmlosen.

Wann werden Symptome und Eigenschaften zur Störung oder Krankheit?

Was ist normal?
Was ist eine Krankheit?
Was ist eine psychische Störung?
Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
Was ist Autismus?
Was ist ADHS?
Wie denken wir über unsere Gesundheit?

Das Buch ist viel zu detailliert und komplex, um hier näher auf die inhaltliche Abarbeitung der  obigen Kapitel einzugehen. Ich habe es als Laie gelesen – und mir hat besonders gefallen, dass neben der medizinischen, wissenschaftlichen Betrachtungsweise immer auch eine historische und philosophische Perspektive eingenommen wurde.  Ich fand es spannend, mehr  über den Wandel der klassifikatorischen Prinzipien psychischer Störungen zu erfahren: habe man früher noch nach Ursachen gesucht( Ätiologie), definierten die Klassifikationssysteme ICD und DSM heute nach rein deskriptiven Kriterien unter weitgehender Aufgabe eines kausalen Denkens ( S. 42). Folge davon sei, dass der Störungsbegriff von Patienten, Ärzten und Wissenschaftlern im Sinne einer klassischen Krankheitskategorie missverstanden würden ( S.47).

Auch wenn es im Ergebnis m.E. gut ist, dass mit dem Spektrum-Störungs-Begriff auch Menschen erfasst werden, die nicht so stark betroffen sind, aber dennoch Unterstützung gut gebrauchen können, so wird mir doch schummerig bei dem Gedanken, dass medizinische Kategorien  so stark  von Moralvorstellungen und Kompromissen in gesundheitspolitischen Gremien ( die sich dann auf Klassifikationssysteme einigen) abhängen.

Diversity
Eigentlich geht es doch darum, Menschen mit unterschiedlichster Persönlichkeitsstruktur Raum für individuelle Entfaltung zu geben, nicht jede Abweichung vom vermeintlich Normalen zur Krankheit zu erklären und jeden Menschen in seiner Besonderheit anzunehmen.
Und zu unterstützen, wenn und wie er es braucht.

Ein lesenswertes Buch mit Blick über den
medizinischen/wissenschaftlichen Tellerrand,  das für ein solches Verständnis von Menschen mit Autismus/ADHS wirbt.

 

Ich freue mich über feedback- wie immer ohne Registrierung  möglich.

 

 

 

 

 

 

 

Anders

Mein Vater gibt sich Mühe. Meine Mutter nennt mich weiter Felix. Sie erträgt es schlecht, wenn Dinge sich ändern. Man muss dafür Verständnis haben, oder?

Anders‚  von Andreas Steinhöfel – eine Buchbesprechung

Felix ist ein eher unscheinbarer, gut behüteter 10jähriger Junge.

Bis er einen Unfall hat, der ihm eine Kopfverletzung,  eine Zeit im Koma und  eine partielle Amnesie beschert. Zwar beherrscht er noch immer unsere Kulturtechniken, aber an die Menschen aus der Zeit vor dem Unfall kann er sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an sich selbst.

Nicht nur er muss seine Eltern und Freunde neu kennenlernen, sondern auch umgekehrt. Felix benimmt sich völlig anders, hat andere Vorlieben, Stärken und vor allem: er nimmt die Welt auf eine besondere Weise war und verhält sich entsprechend.
So ist es nur konsequent von ihm, dass er nicht mehr Felix heißen möchte.
Anders, diesen Namen hat er sich ausgesucht, denn so fühlt er sich auch.

Die Mutter, gewohnt, ihrem Sohn den Alltag vorzugeben, zu bestimmen was wichtig ist und was nicht und damit seine Entwicklung akribisch zu lenken, sieht sich nun mit der Unmöglichkeit der Fortsetzung ihres Konzeptes konfrontiert.
Aus dem formbaren Sohnemann ist ein eigenwilliger Mensch, der seinen Weg auf seine Weise geht, geworden.
Plötzlich ist sie eine Mutter, dessen Kind nicht mehr funktioniert, wie es in ihrem sozialen Umfeld sonst üblich ist. Kein Kind zum Vorzeigen.

Nicht ganz so schwer tut sich der Vater.
Auch er nimmt sich vor, seinen Sohn neu kennen zu lernen. Und merkt, dass er ihn auch vorher nicht besonders gut kannte. Er schafft es, sein verändertes Kind anzunehmen, vielleicht sogar mehr als das Kind vor dem Unfall.
Konflikte zwischen den Eltern sind vorprogrammiert.

Bleibt noch die Sicht der Kinder, denn  Anders/Felix  hat Freunde, geht zur Schule und wie es sich für ein Jugendbuch gehört, liegt der Focus der Geschichte nicht bei den Befindlichkeiten der Eltern sondern dem Treiben der Kinder in Form einer spannenden Geschichte. Denn eigentlich ist es aus deren Sicht gar nicht so wünschenswert, wenn Anders sich an früher erinnert….

Gekauft habe ich Andreas Steinhöfels Buch ‚Anders‘ nicht für mich, sondern für Teenie. Nach ein paar Seiten hab ich es nicht mehr her gegeben.
Mir gefiel, wie Anders Eigenheiten die Mutter mit ihrem Perfektionismus ausbremste.
Der Wandel von Felix zu Anders eröffnet dem Vater hingegen eine Beziehung zu seinem Kind, wie er sie vorher nicht haben konnte und setzt zudem einen ganz persönlichen Emanzipationsprozess bei ihm in Gang.

Im Vergleich zwischen Felix und Anders schnitt Letzterer mit seiner inneren Autonomie gesellschaftlichen Normen gegenüber deutlich besser auf meiner Sympathie-Skala ab.
Sicher auch, weil ich in Anders neuer Sensibilität, Reizoffenheit und ungewöhnlichen Fähigkeiten häufig mein eigenes Kind wieder erkannte.

Ohne sich medizinischer Diagnosen zu bedienen, beschreibt Steinhöfel ein Kind, für das unsere Gesellschaft die Schubladen des DSM 5 bereit hält.
Er beschreibt es mit Sicht auf seine Stärken. Wie schon bei den Büchern über Rico und Oscar, schafft er es, stigmatisierende Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen wie z.B. ADHS, Autismus, Synästhesie als ganz gewöhnlich und überhaupt nicht bedrohlich darzustellen.

Steinhöfels neues Buch geht über die Beschreibung der Welt der Kinder weit hinaus. Es zeigt auch auf, in welchen gesellschaftlichen Mustern die Erwachsenen verhangen sind. Wie sie den Schein der perfekten Familie wahren. In der Leistungsgesellschaft dabei sein wollen. Ihren Kindern um den Preis der Kindheit versuchen, einen guten Platz darin zu verschaffen. Zur Reflexion ihres Tuns nicht in der Lage sind.

Sie holt mich immer ab. Überall…..Man ist dauernd überwacht. Man kann nichts alleine machen. Mein ganzes Leben ist ein Scheiß-Überwachungsstaat. (S. 116)

Sich selber, auch wenn sie spüren, dass das alles nicht gut und richtig ist, dennoch den Gepflogenheiten und deren Hütern unterordnen.

Einen Menschen wie Anders brauchen, um endlich zu sehen, was falsch läuft in ihrem Leben.
Aber auch, dass ein Wandel dieser gesellschaftlichen Werte nebst Veränderung der Lebensgewohnheiten derzeit den Preis des Nicht-Mehr-Dazu-Gehörens hat.

Weitere Protagonisten wie eine Nachbarin, ein ex-Nachhilfelehrer, das pädagogische Personal und die Kinder nebst ihren Eltern in der Schule verdeutlich die möglichen Reaktionen auf Menschen wie Anders: Abgrenzung, Angst, Bewunderung, Respekt, Verunsicherung.

Ich bin gespannt, was Teenie zu dieser Geschichte sagt.

Ihre erste Ablehnung gegen das Buch ( lass mich mit dem anders-Scheiß in Ruhe, ich bin Teenie, mich interessiert das nicht, nicht ich hab Probleme sondern der Rest der Welt ) ist der Neugier gewichen, schließlich geht es um ihr bekannte Wahrnehmungsweisen und es ist von einem ihrer Lieblingsautoren.

Außerdem reizt sie der Diskurs darüber mit mir.
Ein willkommener Anlass, wieder einmal über unser Zusammenleben und die uns leitenden Werte zu reden. Ich bekomme da manchmal mein Fett ab… aber dennoch:
Ich freu mich drauf.

Mit Anhieb schafft dieses Buch den highscore auf meiner Lieblingsbuch-Liste.
Steinhöfel ist ein tolles, unaufdringliches Plädoyer für Inklusion gelungen.

Unbegingt lesenswert.

Leise Zweifel bleiben lediglich bei der Altersangabe des Verlages. Für 12jährige scheint es mir noch etwas früh.

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Schau mal an

Hätte es dieses Buch schon vor zehn Jahren gegeben: ich hätte mindestens 10 davon gekauft und an Teenies Lehrer_innen, die Schulleitung, Musik-und Sportverein, und natürlich auch diversen lieben Familienmitgliedern geschenkt.

Nicht, dass ich diesen Personenkreis nicht informiert hätte.
Es gibt sehr gute Bücher zum Thema ( z.b. Tony Attwood, Christine Preißmann).
Es gibt Handreichungen von Autismus Deutschland, kleine Broschüren, nicht teuer und doch gut.

Es gibt Tante google.

Und es gibt leider Ignoranz.

Deshalb hätte ich es auch nicht den Ärzten gegeben, die mögen es nämlich nicht, wenn man ankommt und sagt: hier, da bin genau ich/ bzw. mein Kind beschrieben.

Die wollen ihren ICD-Katalog abarbeiten.
Ihre standardisierten Fragen und Tests loswerden.
Im Prinzip richtig, aber ….
Haben sie jemanden vor sich, der weiß, was NT’s (1) tun oder sagen würden und kann es gut nachahmen, dann denken sie: o.k., ein bisschen schräg, das eine oder andere Kriterium erfüllt, aber insgesamt bildet sich das

a) die Mutter ein ( meistens der Mensch, der mit dem Kind zum Arzt latscht)
b) ist das Kind manipuliert, verwöhnt oder sonst wie falsch erzogen
c) die Eltern wollen es sich mit einen Modediagnose einfach machen
d) bei der Mutter hätte ich auch ein Trauma
e) … und allerhand mehr aus der Psychokiste, meist tiefenpsychologisch orientiert

Oder so.
Das ist nicht erfunden, sondern so erlebt und einiges davon haben wir schwarz auf weiß.

Aber nun haben wir dieses Buch.
Es spult nicht die Diagnosekriterien ab, ergänzt mit ein paar Beispielen.
Leser_innen müssen keinen gedanklichen Transfer von abstrakten Formulierungen in ein Nachempfinden von Erlebtem leisten.
Man muss nicht in der Lage sein, komplizierte Texte zu lesen oder sich auf ausführliche Beschreibungen zu konzentrieren.
Es ist unwissenschaftlich.
Kurzweilig.
Ein Bilderbuch.
Nicht für Kinder, aber über ein Kind.
Ein autistisches, und wie es seine Kindheit erlebt hat.
Sehr schön anzuschauen und zu lesen mit älteren Kids und überhaupt nicht langweilig für Erwachsene.

Daniela Schreiter, bekannt im Netz als Fuchskind, hat mit ihrem Comic Schattenspringer ein wunderbares Buch vorgelegt, in dem anschaulich vom Alltag eines autistischen Kindes erzählt wird.

“ Ich begann ein Doppelleben zu führen. Draußen war ich der NT, der so gut wie möglich versuchte, normal zu wirken, was auch immer das hieß und bedeutete. ( ‚…..hoffentlich mache ich nichts falsch! Gehe ich normal oder wirkt mein Gang komisch? Und was………. ) “

“ Zu Hause war ich wieder ich ICH und lebte mein Leben, wie es mir gut tat.“

“ Ich war ein Superheld der besonderen Art und niemand wusste von meiner geheimen Identität“.(2)

Dazu gibt es wunderbare Zeichnungen, zusammen mit den sorgfältig ausgewählten problematischen Situationen eine treffender als das andere. Leseprobe hier

Obwohl die einzelnen Kapitel von den Schwierigkeiten autistischer Menschen im Alltag handeln, kam bei keinem ein beklemmendes Gefühl auf.
Nur ein : ja, so ungefähr hat mir Teenie das auch beschrieben.

Das Dilemma mit sozialen Kontakten, mit dem Sport- und erst Recht Schwimmunterricht, die heilige Ordnung persönlicher Dinge, das Unbehagen in Menschenmengen und die vielen Bemühungen, sich genau wie die anderen zu verhalten und doch so anders gestrickt zu sein.

Daniela Schreiter berichtet aus ihrem eigenen Leben.
Sie beschreibt ohne zu bewerten.
Das macht das Buch so lesenswert.
Sie hilft ein wenig die Augen zu öffnen für Dinge, die NT’s nicht sehen (können).

Teenie, sonst eher abgeneigt diesem Thema gegenüber, weil sie SIE sein will und keine Diagnostische Bezeichnung, wurde neugierig durch meine Bemerkung:
‚ich wusste gar nicht, dass du heimlich ein Buch mit herausgegeben hast‘ ,
schnappte das Buch und las und las und las.

„Wie kann jemand so genau mein Leben beschreiben? “

Ja, wie wohl ? 😉

Ein Buch, das in jedem Lehrerzimmer, in betroffenen Familien oder wo auch immer unsere special heroes sich regelmäßig aufhalten, herumliegen sollte.

Ich wette, da kann kaum einer die Finger von lassen!

(1) Neuro Typisch
(2) Schattenspringer S. 142

C-Moll schwarz, d-Moll in blau

Auch die Krankenkassen nehmen langsam zur Kenntnis, dass Synãsthesie eine Begabung vieler Menschen ist.
Im aktuellen Magazin der Siemens Betriebskrankenkasse 4/2012 ist ein lesenswerter Artikel dazu.
Er ist entstanden unter Mitwirkung von Alexandra Dittmar, die eines der besten deutschsprachigen Bücher zum Thema heraus gegeben hat:

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Synästhesien
Roter Faden durchs Leben?

Verlag: Verlag die Blaue Eule
ISBN-10: 3899241975
ISBN-13: 978-3899241976

34 € , die gut angelegt sind.

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Wissen ADHS-Eltern mehr ……? Zwischenmeldung

Wie hier versprochen, lese ich weiter und melde mich beizeiten.

Vorerst zum Thema Internet-Sucht diesen coolen Video-Clip.

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Wissen ADHS-Eltern mehr und sollen Hunde fernsehen? Teil 1

Irgendwann, so gegen Ende des 1. Lebensjahres meines Kindes hörte ich zum ersten Mal den Begriff “ Wahrnehmungsstörung“.
Aha.
Das Wort selbst ist ja nicht so schwer zu verstehen.
Was aber genau sich dahinter verbarg….keine Ahnung.

Ich bin zwar eine Studierte. Aber da weiß man auch nicht alles. Die einzige Wahrnehmungsstörung, die ich in meinem Studium kennen gelernt habe, ist die zwischen Gesetzgebern und Rechtsprechern einerseits und dem Rest der Welt andererseits.

Es sollte auch noch eine Weile dauern, bis ich heraus fand, was dieses Unwort mit uns zu tun hatte.
Nicht etwa, weil ein freundlicher Kinderarzt mir das erklärt hätte.
Nein Tante google half nach und die Frühchen-mailing-Liste , über die ich schon hier geschrieben habe.
Und ein sehr bedeutsames Buch von A. Jean Ayres , ein Klassiker der sensorischen Integration:

Bausteine der kindlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes

mehr

Und weil ich eine fleißige Mami bin, die für ihr Kind das Beste will – ebenso wie die weniger fleißigen – habe ich noch mehr dazu gelesen und immer darauf geachtet, dass nicht zu viele Reize um uns herum schwirrten.

Nun hatte ich es leicht, was das TV anging: mein Nachwuchs hatte schlicht und ergreifend Angst vor den sich bewegenden Bildern und den Geräuschen, die aus dem Off kamen.
Teletubbies…..gruselig.
Sesamstrasse….Ungeheuer.
Sandmännchen….ja, da war auch mal was Nettes dabei.
Tier-Dokus, auch mal über Tier- Operationen in Nahaufnahme: gerne.
Oder kurze Kinderfilme mit echten Menschen.

Davon gibt es aber nicht allzu viel und so haben wir die Medien- Debatte erst jetzt….. 10 Jahre später als viele andere Familien.

Was mich betrifft, so gebe ich zu, dass iPad, Handy und PC Überlebensmittel für mich sind und ich sie nicht missen möchte.
Ohne Rechner wäre meine Isolation als alleinerziehende, berufstätige Mutter mit betreuungsintensivem Kind vielfach größer gewesen.
Ohne Handy hätte ich mein Kind, dass noch Halt brauchte, als es schon allein durch die Großstadt fahren musste, nicht von der Arbeit aus beruhigen können.
Viele Informationen, die ich mir selbst zusammen suchen musste, habe ich aus dem www.
Unterstützung, zu der meine Familie und früheren Freunde nicht bereit oder in der Lage waren, bekam ich von Fremden in Selbsthilfe-Foren.

Mein Nachwuchs, der sich schwer mit sozialen Kontakten tat, hat echte Kontakte mit Hilfe von Facebook vertieft und gehalten. Dinge, die in der Schule zacki-zacki und oft nonverbal ausgetauscht werden, können so in Ruhe aufgegriffen werden und am nächsten Tag kann man dran anknüpfen.

Klaro, dass die Konteneinstellungen gemeinsam überprüft werden.

Mit den Jahren habe ich viele enge Kontakte zu Familien mit “ Wahrnehmungsstörungen“ bekommen.
Allen gemeinsam ist, dass sie sehr bewußt mit Medien jeder Art umgehen.
Viele Kinder haben kein TV im Kinderzimmer. Gameboy-Zeit ist reduziert. Der eigene PC kommt erst in der Pubertät.

Aus diesem Grund reagiere ich leicht genervt, wenn Bücher wie

Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

quelle

hochgelobt werden und deren Verfasser , hier Manfred Spitzer, von Talkshow zu Talkshow gereicht werden.

Zuletzt geschehen mit Michael Winterhoff, der hiermit zwar an die elterliche Intuition appelliert, in großem Maße aber Verunsicherung verbreitet und letztlich “ schwarze Pägagogik“ für das Maß aller Dinge hält. In Zeiten von Super-Nanny gern gelesen.

Habe ich mich schon durch das Geschreibsel von Winterhoff gequält, schaffe ich es mit Spitzer auch.

Und bin positiv überrascht.
Vorrangig ist hier nicht Technikfeindlichkeit.
Es wird sich auf viele, nicht mehr ganz so neue Studien bezogen.
Deshalb auch kein Aha-Moment beim Lesen, eher das Gegenteil. Ja, das wissen wir doch alles schon….oder etwa nicht?

Kann es sein , dass sich viele Eltern von Kindern mit Reizverarbeitungsproblemen und Regulationsstörungen mehr mit dem Thema auseinander setzen als die stolzen Eltern von Kindern, die ja in allen Gebieten schon “ so weit“ sind?

Erschreckend die Berichte über Babys, die mit 8 Monaten in den USA an die Glotze gewöhnt werden. Natürlich mit speziellen Programmen.
Erschreckend auch die Dauer des Medienkonsums dort.
Ich finde es schon viel, was viele Kids hier alles schauen und wie lange . Mich wundert immer, dass die halbe 9. Klasse um 23 h noch “ on “ ist. Hier stimmt ausnahmsweise mal das Argument meines heimischen Teenies : die Anderen dürfen auch alle……und ich kontere dann mit dem Argument meiner Eltern : wir sind aber nicht “ die Anderen „.

Aber das ist alles nix gegen das Land der Superlative.

Da lobe ich mir ausnahmsweise das hausbackene Deutschland.
Wird wohl noch ne Weile dauern, bis wir das eingeholt haben.

Bislang bereue ich es nicht, das Buch zu lesen.
Nervig finde ich die Art der Vermarktung. Zum Glück geht es in dem Buch sachlicher und fundierter zu. Vielleicht hat der Autor Recht und es geht nicht anders, um Gehör zu bekommen.

Ich werde weiter lesen….besonders auf das, was noch zum Thema Mediensucht kommt, bin ich gespannt.

Vorerst der Vorläufer dieses neuen Bestsellers:

Sollen Hunde fernsehen ?


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Bingo- Kugeln , Schlaumeier, das graue Gefühl – aber passt schon, irgendwie

Berlin.
Rico. Der tiefbegabt ist.
Und Oscar, hochbegabt.
Beide Jungs haben so ihre Probleme.

Oscar hat einen Vater, der nie für ihn da ist.
Die Mutter ist auf und davon.

Ricos Mutter ist für ihn da, nur Nachts nicht.
Sein Vater ist ein Halodri in Italien.

Dann gibt es noch Frau Darling, die Nachbarin mit den leckeren Müffelchen, den Miss Marple Filmen , dem “ grauen Gefühl“ , welches sie ab und an überfällt und jede Menge andere normal skurile Menschen.

Drei Bücher von Andreas Steinhöfel, in denen viel Aufregendes passiert.
In denen die tolle Freundschaft der so verschiedenen Jungs beschrieben wird. Mit Akteuren, die mit all ihren Macken niemals ent-wertet werden. Auch die Erwachsenen nicht. Eine Geschichte, in der zwei Jungs versuchen, die Welt zu verstehen.

Rico, der ein Förderzentrum besucht, weil er manchmal Bingo-Kugeln im Kopf hat und dann gar nicht mehr gut denken kann. Der Tagebuch schreibt, und es uns damit möglich macht, diese Abenteuer mit zu erleben.
Oscar geht auf irgendeine Schule und trägt sicherheitshalber immer einen Helm, denn er weiß- selbstverständlich im Detail- wie viele Kinder bei Unfällen durch Kopfverletzungen um’s Leben kommem. Er hilft Rico beim Denken, dafür bekommt er gezeigt, wie man Dinge macht.
Und so meistern die beiden gemeinsam wirklich brenzlige Situationen.
Wenn Rico alles aufschreibt, kommt er gelegentlich an einen Punkt, an dem er sich ein Wort erklären muss:

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Kinderkrimis und dann auch wieder nicht. Weil es eigentlich um’s (über)Leben ganz allgemein geht.
Klar, dass da auch so Liebeskram nicht fehlt.

Schön zum Vorlesen und auch zum Zuhören als Hörbuch.
Der erste Band, indem es um einen Kinderentführer geht, hat hier für viel Herzklopfen gesorgt, da musste Muttern Beistand leisten.
Das zweite Buch schockt nicht ganz so und kann auch abwechselnd vorgelesen werden.

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Das Dritte habe ich erst später zum Alleine lesen in die Finger bekommen, nachdem es in 2 Tagen von meinem Ableger inhaliert worden war.

Wie es sich für Kinderbücher gehört, geht am Ende alles gut aus.
Wie im Leben eben.

Ein Bonbon für Nordlichter : das Hamburger Schauspielhaus zeigt “ Rico, Oscar und die Tieferschatten“ schon in der 3. Spielzeit .
Und dieses Mal haben wir Karten ergattert.

Heute gesehen und für gut befunden.

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Für jeden etwas: Wiedersehen und Denkanstoß

Gestern waren wir zu einem lockeren Picknick eingeladen.
Das Wetter war Klasse und meinem sperrigen Nachwuchs habe ich die Teilnahme verordnet.
Erstens, weil die Einlader aus ihrem Dunstkreis kamen, zweitens weil sie begeistert zugesagt hatte aber vor allem, weil auch Teenies nicht ganz ohne frische Luft sein sollten.

Schnell was Unkompliziertes zubereitet, auf die Räder und ab in den Park.
Es war eine wirklich nette Runde.
Teenie umgab sich mit einer “ Null Bock “ -Aura , was aber niemanden störte und was sich auch nach einiger Zeit etwas legte.
Ist ja auch blöd: mit 12 jährigen und jüngeren Kids rumtoben ….nee. Und mit den Alten rumsitzen…? Artgenossen waren leider nicht da.

Für mich selbst hatte das Treffen eine ganz besondere Überraschung parat.

Es gibt Menschen, mit denen man ein Stück seines Lebens gemeinsam geht , einen gemeinsamen Bezugspunkt hat und sich dann über die Jahre aus den Augen verliert . Weil es eben keine feste Freundschaft ist, der Bezugspunkt weg gefallen ist oder einfach der Alltag nicht mehr zusammen passt.

Vor langer Zeit, als ich noch nicht mal daran dachte, mich zu vermehren, hatte ich Einzel-Sprachunterricht bei einer native-Speaker .
Wir verstanden uns von Anfang an gut, haben das Nötigste an Grammatik gemacht aber eigentlich schnell eine gute Beziehung aufgebaut und dann ging es um Themen, die uns beide beschäftigt haben. Bei allem hatten wir immer einen besonderen Draht zueinander, den man nicht beschreiben kann.
Effektiver kann Sprachunterricht nicht sein.

Dann kam die Zeit, in der wir uns nur gelegentlich über den Weg gelaufen sind. Viel in unseren Leben hat sich verändert. Beziehungen, Arbeit, Kinder und eine Krankheit, die dazu geführt hat, dass meine Lehrerin ihr Augenlicht fast ganz verloren hat.
All diese “ Eckpunkte “ der Entwicklung waren uns bekannt.
Aber wir haben es nie geschafft, uns mal zu treffen.

Klar, dass wir uns beim gestrigen Zusammentreffen viel zu erzählen hatten. Das Gefühl der Vertrautheit war immer noch da. Sofort fanden wir gemeinsame Themen.

Für meine jugendliche Kratzbürste aber habe ich mich heute erst mal entschuldigt.
Es stört sie im Moment, wenn sie viel gefragt wird, obwohl sie selbst das Thema “ besonders sein“ angedeutet hat.
Sie ist sich gerade noch nicht so sicher in Fragen wie : wem erzähle ich was von mir? Wer soll von meiner Art wahrzunehmen wissen? Sie hat leider auch schon negative Erfahrungen gemacht.

Dass jemand sein Augenlicht verlieren kann, ängstigt sie und macht sie auch unsicher diesem Menschen gegenüber. Gleichzeitig findet sie es beeindruckend, wie man dann trotzdem sein Leben meistern kann.

Darüber haben wir dann zu Hause gesprochen.
Denkanstöße wie dieses Zusammentreffen sind meistens die Wirkungsvollsten.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Jugendbuch von Friedrich Ani ein, das meine Tochter nur so verschlungen hat und auch mir gut gefällt: Wie Licht schmeckt. Für Lesemuffel auch verfilmt.

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