Zeitinsolvenz ?

 

Interessante Überlegungen über die Folgen von Zeitmangel aufgrund von beruflicher und privater Belastung stellt Dr. Martin Winkler in seinem neuen Blog Seelenklempnerei an und bezieht sich dabei auf ein Interview im Deutschlandfunk mit Prof. Merz von der Leuphana Universität Lüneburg.

Auch die mögliche Kombination von materieller Armut und Zeitarmut wird sicherlich nicht allzu selten anzutreffen sein.

Aber lest selbst hier.

Leider immer noch unpopulär: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich  und das bedingungslose Grundeinkommen. Wenigstens tut sich beim Mindestlohn was.

 

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B-wort und auch-Diskussion

Gestern hörte ich sie wieder, die Frage, die mich jedes Mal in einen emotionalen Strudel von Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Zweifel stürzt.
Was ich mir selbstverständlich nicht anmerken lasse, höre ich sie doch seit vielen Jahren.
Immer dann, wenn die Welt draußen meinem Teenie klar macht: du gehörst nicht richtig zu uns.

Ein “ Lückenkind „, das weder in die Schule passte, noch zu den Schulabbrechern mit überwiegend sozialen Schwierigkeiten gehört und nun dennoch in deren Mitte versucht, für sich einen Weg zu finden.
Das in einer Musikgruppe spielt, in der nur Gymnasiasten sind, die neben der Schule auch noch Kraft für Einzelunterricht , Auftritte und andere Hobbys haben. Belastbar eben.
Das nicht in einem Schonbereich leben möchte und doch in der Welt der Neurotypischen Menschen immer wieder an (seine) Grenzen stößt.

Mum, hättest du lieber ein anderes Kind gewollt?

Ja, Pubertät ist für diese Art Fragen typisch, meist jedoch als Vorwurf an die elterliche Instanz gerichtet: ihr hättet wohl lieber so ein braves Vorzeigekind bekommen …usw.
Wenn’s nur Pubertãt wäre, hätte diese bei uns schon im 4. Lebensjahr begonnen.

In ihrer Frage kein Hauch von Vorwurf.
Unsicherheit, ganz tief.
Wieviel elterliche Liebe und Akzeptanz braucht mein Kind, um sich unserer/ meiner sicher zu sein?
Darin verborgen auch Tennies Wunsch, eine Andere zu sein, nicht besonders…. und doch wieder nicht.
In diesen Momenten, wenn Teenie stinkwütend nach Hause kommt, verzweifelt an sich und an diesem vertrackten Leben, das sie nicht dort hereinlässt, wo die anderen sind, bleibt uns nur das Bündnis gegen Konventionen, die nicht richtig sind, gegen Maßstäbe, die nicht die unseren sind und wenn wir es schaffen : der Blick auf Fähigkeiten, von denen all die Menschen, die diese Maßstäbe aufstellen, da draußen noch nicht einmal ahnen, dass man sie haben kann.

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Während Teenie schon längst über den akuten Frust hinweg ist und sich den schönen Seiten des Lebens zuwendet – chillen bis der Arzt kommt – bin ich immer noch mit dem Unverdaulichen beschäftigt.

Meine Elterni schickt einen Artikel aus Die Zeit herum.

Dass es dich gibt
…..Das Wort »Behinderung« nehmen wir lange nicht in den Mund. »Das B-Wort«, sagt mein Mann. Als brächte es Unglück, es auszusprechen…..

Er kommt gerade richtig, auch wenn wir eine nicht sichtbare – und viel mildere – Thematik haben. Dennoch erkenne ich mich in Vielem wieder.

Um wie viel diffiziler die Problematik bei Beeinträchtigungen, die nicht sichtbar sind, ist, zeigt eine Diskussion um das kleine Wörtchen „auch“ im Blog aspergerfrauen.

„Du fährst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil du die vielen Menschen und das Gedränge nicht ertragen kannst? Ich mag das auch nicht und muss trotzdem jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit fahren.“
Würde jemand zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Du fährst nicht mit dem Zug, weil es an der Haltestelle keinen Aufzug gibt? Ich mag es auch nicht, Treppen zu Fuß hinaufgehen und fahre trotzdem jeden Morgen von dieser Haltestelle aus zur Arbeit.“? Wohl kaum.

Neben vielen Verletzungen und des Gefühls, von niemandem verstanden zu werden, welches dieses Wörtchen uns oft gebracht hat, empfinden wir es heute doch eher als hilfreich.
Man kann Menschen leichter etwas klar machen, wenn man an ihr eigenes Empfinden anknüpft:
“ Stell dir vor, du hattest Fieber, bist nun ganz wackelig auf den Beinen, musst aber einkaufen gehen. Während dessen fragt dich jemand das große 1x1ab. Du versuchst natürlich, alles richtig zu beantworten. Wie geht es dir damit? “ – Und stell dir jetzt mal vor, dass es für dich fast jeden Tag den ganzen Tag so ist…..“
Nicht so schwer.
Auch …kann ein gutes Wort sein.

Ihr wisst sicherlich, was ich meinem Kind geantwortet habe.
Und es stimmt, aus tiefstem Herzen.

Was ich aber nicht gewollt habe, sind die in den beiden Quellen zum Ausdruck kommenden Rahmenbedingungen.
Teenie ist ein Kind dieser Zeit – mit ihren vielfältigen medizintechnischen Möglichkeiten, über die sie selbstverständlich liest und hört. Und sich Gedanken macht.

Das bringt einen ganz besonderen Zungenschlag in die Frage: hast du mich lieb so wie ich bin?

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