Gekniffen

Ausgangspunkt:
Du hast ein Kind, das die Welt anders erlebt als die meisten anderen Menschen und sich dementsprechend abweichend verhält.
Es ist egal, ob es sich um HS, ADHS, ASS oder Teilleistungsstörungen handelt.
Wichtig ist : man sieht nichts.

Du befindest dich in einer Gruppe von Menschen.
Zunächst fällt dein Kind nicht auf und du auch nicht.
Möglicherweise könnt und wollt ihr allseits beliebte Aktivitäten nicht mitmachen, braucht mehr Pausen als andere oder ein drohender Overload scheint wie extreme Bockigkeit und Aggressivität.
Je öfter du mit einem unverfänglichen nein danke, heute nicht…. X mag es nicht so laut …..das ist nicht so unser Ding….. antwortest, desto mehr landest du mit deinem Kind in der Schublade: komisch, Spaßbremse, arrogant oder was weiß ich.

Du sitzt in der Klemme.
Spätestens wenn sich Fragen, Bemerkungen oder sogar Beschwerden, das Verhalten deines Kindes betreffend, häufen.
Wenn spitze Bemerkungen fallen, weil niemand nachvollziehen kann, warum du deinem Kind den langen Zügel dort gibst, wo andere Eltern ihre Kinder an die Kandarre nehmen und umgekehrt.

Klar antworten oder ausweichen?

Je älter das Kind ist, desto problematischer wird es mit dem Antworten.
Gefragt, warum denn dein 2jähriges z.B. noch nicht läuft, kannst du was von Entwicklungsverzögerung blabla …..murmeln.
Je nach Tonfall der Frage darf auch gern die Antwort ausfallen. Oft steckt nämlich nicht Interesse am Kind, sondern Lust auf Vergleichen mit dem eigenen Kind, welches dabei locker prima dasteht, dahinter.

Nach dem Verhalten eines Teenies gefragt, kann man eigentlich nur
sagen : frag sie/ ihn selbst.
Was sich niemand traut.
Abstempeln ist einfacher.
Stellt sich also auch hier wieder die Frage : wie und wie lange schütze ich mein Kind vor Unverständnis und Ausgrenzung?

Wie schütze ich mich?

Das Dilemma: die Interessen der Kinder sind nicht unbedingt identisch mit denen der Eltern.

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Katalog der Widersprüchlichkeiten

1. es geht niemanden etwas an, was dein Kind hat
2. dein Kind hat Persönlichkeitsrechte, die du verletzt, wenn du z.b. Diagnosen (ohne Einverständnis ) offenbarst
3. dein Kind soll von anderen nicht unangemessen und irrtümlich beurteilt, gefordert oder sogar ausgeschimpft werden
4. du möchtest dein Kind schützen
5. du möchtest, dass auf seine Disposition Rücksicht genommen wird
6. dein Kind soll integriert werden
7. du hoffst auf Verständnis für dein elterliches Verhalten
8. und noch immer, dass Information der Schlüssel dafür ist
9. du willst nicht als Elternteil da stehen, das alles falsch macht
10. du möchtest Akzeptanz für dein Kind und dich
11. wie viele Eltern suchst du den Austausch mit anderen Eltern ( auch wenn die Kids in der Pubertät sind)
12. mangelndes Wissen bzw. Vorurteile des Umfeldes machen dich immer wieder zum Erklärbären
13. aggressive Reaktionen wie: Quatsch, das Kind hat nix, das muss nur mal…..gab es früher auch nicht….. zwingen dich in eine ungewünschte Rechtfertigungsposition
14. Kinder hassen es, wenn über sie geredet und noch mehr, wenn über sie gestritten wird
15. du bist nicht immer cool genug, um unqualifizierte Bemerkungen an dir abperlen zu lassen

In der letzten Zeit bin ich gehäuft auf Gruppen in sozialen Netzwerken gestossen, in denen sich detailliert über Diagnosen der Kinder ausgetauscht wird.
Da wird mir schwindelig.

Das Internet ist oft die einzige Hilfe, die betroffene Familien bekommen, das ist mir klar. In vielen Foren bekommt man Antworten auf Fragen, die man beim Arzt noch nicht einmal los wird.
Auch der Austausch zwischen den Eltern ist qualitativ etwas anderes als mit Eltern nicht betroffener Kids. Aber diese speziellen Foren sind im Vergleich zu fb und Co relativ gut geschützt.
Auch mir ging es so: ohne Hilfe aus dem Netz hätte ich mich ohne jede Leitplanke meiner unbekannten Aufgabe stellen müssen. Hätte viele Infos nicht bekommen, manche Anlaufstelle nicht gefunden, langjährige persönliche aber virtuelle gegenseitige Unterstützung nicht erfahren.

Ich selbst bevorzuge einen offensiven Umgang mit Einschränkungen. Auch was mich selbst betrifft.
Aber gilt das auch für mein Kind?
Schwierig: die Einschränkung meines Kindes ist auch zum Teil meine ( geworden).

Die Lösung könnte sein

Nehmt mein Kind wie es ist.
Macht mit uns zusammen, was geht.
Macht nicht aus allem ein Problem.
Oft reichen kleine Veränderungen, um stressfreies Miteinander zu ermöglichen.
Urteilt nicht, wenn ihr keine Ahnung habt.

Ihr seid eingeladen zum Gedankenaustausch

Wie geht ihr damit um?
Wie lebt ihr mit diesen Widersprüchlichkeiten?
Was hättet ihr euch von euren Eltern in dieser Hinsicht gewünscht?
Offensive oder Diskretion?

In diesem Zusammenhang ist mir ein Interessanter Artikel bei wer-ist-Thomas-mueller.de aufs Display geflimmert: Raul Krauthausen, Aktivist für Behindertenrechte, im Interview:

Im Bezug auf Behinderung sind die Deutschen sehr bemüht, stehen sich aber dabei auch selbst im Weg. Sie sprechen viel über behinderte Menschen, aber nicht wirklich mit ihnen. Ich beobachte da einen fehlenden Pragmatismus. Weil die Deutschen generell so ein bürokratisches Volk sind, verstecken sie sich gerne hinter Regeln und Bestimmungen. Alles muss immer überkorrekt sein. Wir problematisieren einfach zuviel, anstatt einfach mal zu gucken, wo die Gemeinsamkeiten sind und wie man einen einfachen, entkrampften Weg finden kann, eine selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung zu ermöglichen. mehr

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L-W-o-mat

Kurz-pro-gramm-40 °.
Un-sor-tiert.
Mehr-gibt-es-heu-te-nicht.
Es-gibt-auch-kein-Lieb-lings-ess-en.
Ja-ich-kümm-e-re-mich-um-das-Not-wen-dig-ste.
Nein-mehr-geht-nicht.

Wenn-du-zor-nig-bist-dreh-die-Mu-sik-auf.
Bei-Angst-komm-zu-mir-a-ber-ru-hig.
Sprich-mit-mir-wenn-du-trau-rig-bist.
Bei all-en-an-de-ren-Be-find-lich-kei-ten-sieh-zu-wie-du-klar-kommst.
Zan-ke-heu-te-nicht.
Bi-tte.

Ak-ku-leer – – – Ak-ku-le- – – – Ak-ku-l- – – – – –

Man muss kein hochsensibles Kind haben, um zu wissen, wie wichtig es für Kinder / Jugendliche ist, dass wir Eltern in Krisenzeiten verlässlich funktionieren.
Denen aber, die über eine besonders geschärfte Wahrnehmung verfügen, kann man noch weniger als anderen vorgaukeln, dass der Fels in der Brandung unerschütterlich steht, wenn er dabei ist, von den Wassermassen davon gerissen zu werden.
Da hilft kein sich Zusammennehmen.

(Hoch)Sensible Kinder reagieren häufig extrem mit Wut, Zorn, ziehen sich zurück.
Physisch und psychisch.
Nicht selten führen diese Stresssituationen zu psychsomatischen Erkrankungen.
Jugendliche, welche aufgrund ihrer Besonderheit einsam sind, und das sind insbesondere die aus dem autistischen Spektrum, haben keine Möglichkeit, ihre Angst und Verunsicherung mit anderen gemeinsam zu verarbeiten.
Kein gemeinsames Lümmeln auf dem Sofa und Gerede wie:
Oh Mann, wenn ich 18 bin ziehe ich aus, das nervt alles, stell dir vor, du würdest auf dem Mars leben, ich skype lieber von da aus, meinst du, man wird wiedergeboren, ist doch voll unlogisch, dieses Spektakel, und dann allen Menschen die Hände schütteln, sogar Fremden, lass‘ mal das Stück von xxx hören, aber laut!

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.(1)

Diese Jugendlichen ängstigen sich auch um den Bestand der täglichen Routinen.
In dieser Gefühlslage sind sie kaum in der Lage, Rücksicht auf den Garanten des sicheren Alltags zu nehmen.

Ich bin sicher, im Kleinen kennen alle Eltern das.
Ist die Mutter krank, quaken die Kids umso mehr.

Hat jemand eine Vorstellung davon, wie das im Großen ist?
Diese Tage höre ich immer wieder den gut gemeinten Rat: pass auch auf dich selbst auf.
Ja, sag ich dann, wie soll das konkret aussehen?
Nicht eine brauchbare Antwort habe ich auf diese Frage bekommen.

Ich bin kein Typ für Ruhe.
Bewegung ist mein Wasser, in dem ich mich wohl fühle wie ein Fisch.
Denken beim Gehen . Beim Reden. Schreiben.
Schon in guten Zeiten schaffe ich es nicht, ein Hörbuch durchzuhalten.
Wenn ich mich konzentrieren will, gehe ich ins Café.
Arbeiten in der Stille: nur wenn ich direkt aus dem Schlaf komme, dann aber richtig produktiv. Die einzige Tätigkeit, die zwischengeschaltet werden darf ist Kaffee kochen. Schon duschen zerstört die Konzentration auf das Arbeitsergebnis der Nacht.
Ich brauch‘ so etwas wie eine Fotolinse, um langsam ( achtsam ? ) durch die Welt zu gehen.
Teenie bevorzugt das Gegenteil.
Das macht es nicht einfacher.

Antworten, die ich für mich geben kann:
1. kleine Ich-Inseln im Chaos ( z.B. Cello, Chor , Uni, schreiben )
2. Teenie gut versorgt wissen
3. die kleinen entspannten Momente mit Teenie genießen
4. um Hilfe in kleinen Dingen bitten und annehmen, was mir schwer fällt
5. nichtexistenzielle Pflichten aussitzen

Nach dem großen Wurf suche ich seit Jahren.
Warum soll er gerade jetzt gelingen?

Unser Sozialwesen sieht niedrig-schwellige, schnelle Unterstützung für Familien in Krisen nicht vor.
Keine Familie oder Freunde vor Ort?
Pech gehabt.
Wer ein Kind hat, das wegen seiner Eigenheiten nicht mal eben weg organisiert werden kann, erst Recht.
Da bleibt nur: funktionieren, irgendwie.
Wir sind eben kein notleidendes Bankhaus. Da hätte unser Staat sicherlich fix ein Hilfspaket zusammengeschnürt.

Unser Haus schwankt, aber das Fundament ist fest.

Aber sogar jetzt gibt es einen Grund zum Staunen und zur Zuversicht.
Wieder einmal erlebe ich, wie treffend, klar und weitsichtig Teenie die Situation erfasst, ihre Bedürfnisse messerscharf artikuliert und gute Entscheidungen für die kommenden Tage trifft.

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Hochsensible,  Synästhetiker_innen,  ADHSler_innen und Autist_innen haben in erster Linie ein ‚Mehr‘, nicht ein ‚Weniger‘.

Wenn man sie lässt und ihnen hilft, finden sie ihren Weg.
DAS ist die große Lösung.
Nicht nur für mich.
Fast alle Eltern werden das ( in Ansätzen) verstehen.

(1) John Lennon

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Ich sehe was, das du nicht siehst

Gerade habe ich heraus posaunt, dass ich mich zukünftig dem „dütt und dat“ hingeben werde, da schneit mir durch meinen Lieblings-ADHS-Blog „Neues und Altes aus der ADHS-Welt“ ein Artikel von Lesley Sword über visuell-räumliches Lernen auf den Schirm.
Die Autorin macht sich die Mühe, sehr kleinschrittig zu beschreiben, wie der Denkvorgang dieser ‚ Lerntypen‘ im Alltag bzw. der Lernsituation vor sich geht, beschreibt darin das Konzept von Dr.Linda Silverman und hat etliche Literaturhinweise zu bieten.

Es gibt vier Hauptfaktoren, die für begabte visuell-räumliche Lerntypen ein Risiko darstellen. Sie haben deutlich überdurchschnittliche Intelligenz. Sie sind kreative und divergente Denker. Sie sind körperlich und emotional sensibel. Schließlich haben sie einen extrem visuell-räumlichen Lernstil verbunden mit einer Schwäche in der auditiv-sequenziellen Informationsverarbeitung.
….

Kinder, die starke visuell-räumliche Fähigkeiten aufweisen, kombiniert mit auditiv-sequenziellen Schwächen, werden als visuell-räumliche Lerntypen angesehen. Visuell-räumlich Lernende sind ausgezeichnet im Visualisieren und müssen visualisieren, um zu lernen.
Visualisierung ist der Schlüssel in der mentalen Verarbeitung visuell-räumlich Lernender. Sie denken in erster Linie in bildlichen Vorstellungen oder Bildern – entweder Standbilder wie Fotografien oder bewegte Bilder wie Videos. Visuelles Denken ist sehr schnell, komplex und nicht sequenziell. Einige visuelle Denker berichten von einer völligen Abwesenheit von Geräuschen oder Selbstgesprächen in ihren Köpfen, andere erleben.

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…. Eine visuell-räumlich lernende Person mit einer Schwäche in der auditiv-sequenziellen Verarbeitung zu sein, ist, als ob man in einem fremden Land lebt und die Sprache einigermaßen beherrscht, aber nicht fließend darin ist. Wenn ihnen Informationen auf auditive Art vorgebracht werden, müssen sie sie rückübersetzen in ihre ursprüngliche visuelle Art. Das verlangt, dass sie die Realität kurzzeitig verlassen, um diese Übersetzung vorzunehmen, d.h. sie sind nicht in der Lage, die Informationen zu hören, die währenddessen vorgebracht werden. Wenn die Übersetzung vollendet ist, kehren sie zurück in die äußere Realität und schalten weiterhin hin und her zwischen der Aufnahme äußerer Information und dem sich Verschließen vor der äußeren Realität, um zu übersetzen. Das Ergebnis ist, dass sie eine Reihe von Lücken haben, wobei sie gewisse Informationen kennen und andere Stückchen der Information verpassen. Diese Lücken sind besonders offensichtlich bei der Begutachtung und bei Tests in der Schule. Auch benötigt der Übersetzungsprozess Zeit und das bedeutet, dass sie Schwierigkeiten haben, Aufgaben in der zugewiesenen Zeit abzuschließen.

Quelle

Vor ein paar Jahren, als ich noch dachte, Lehrer_innen würden sich über Hinweise und Anregungen freuen, hätte ich diesen Artikel sicher an diese weitergereicht. Vermutlich wären sie auf dem Stapel unserer anderen -ungelesenen/ unbeachteten – Anregungen gelandet ( ja, der Frust darüber ist noch da ).

Schon oft habe ich hier berichtet, dass ich es nicht so hatte mit dem Schul-und Hochschulsystem und der Art zu lernen, wie es dort üblich ist und fühle mich stellenweise von dem Artikel angesprochen.

Verstärkt jedoch dadurch:
Zur Zeit werde ich Zeugin, wie Teenie sich durch das Anschauen von japanischen Spielfilmen, Singen von japanischen Rocksongs, einem Wörterbuch und jede Menge Bildbände über Japan japanisch beibringt.
Und da die Filme oft englische Untertitel haben, und die Bücher häufig englische Texte, hat sie nebenbei so gut Englisch gelernt, dass ihre neue Lehrerin in der Produktionsschule, einem Ort für ‚ vom Bildungssystem Abgehängte ‚ total begeistert von einer ‚idiomatisch Lernenden‘ spricht.

Ich sehe mich neuerdings ab und an der Situation ausgesetzt, den ganzen Abend nur englisch sprechen zu dürfen, und das über komplizierte Themen. Über japanische Kultur z.B.
Meine Güte!
In der Schule hingegen war die mündliche Beteiligung im Fremdsprachenunterricht Dauer-Drama.

Bin ja mal gespannt, was über den anstehenden Japanisch-Workshop berichtet wird, den die W-Frau gebracht hat✌️

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Profis

Schon lange hatte ich mich auf diesen Abend gefreut. Sogar Teenie wollte, nach ausführlichem yt-studium, mit.
Was mich freute. Immer seltener werden die gemeinsamen Aktivitäten…

Perfekte Koordinaten

Meine andere Begleiterin, welche die Idee dieses Ausflugs hatte, bürgte durch ihre intensive Beziehung zu Musik und Rhythmus zudem für ein feines kulturelles Erlebnis.
Der Veranstaltungsort vertraut durch diverse Konzert-und Theater -Besuche sowie Teenies besten Darbietungen ‚on stage‘.
Erholt vom Weihnachtsstress und noch nicht geschafft vom Jahreswechselrausch(en).

Hatten wir zunächst noch geplant, uns vor dem musikalischen Ereignis kulinarischen Genüssen hinzugeben, mussten wir kurzfristig zugestehen, dass Ketten-Termine Teenies Sache nicht sind und konzentrierten uns lieber auf die abendliche Veranstaltung.
Relativ glatt gestaltete sich die Anreise und wir waren guter Dinge ( jugendliches Genöle fällt unter die Kategorie Grundrauschen).

Künstler_innen wollen auch leben

Ausverkauft – super.
Der Saal. Eng bestuhlt – oh je.
Teenie beanstandet den Altersdurchschnitt, sucht fast vergeblich nach dunkler Haut, vielleicht sogar Dreadz, wenigstens einer?
Dunkle Haut wurde dann auf der Bühne gezeigt, umhüllt von farbigen Boubous.
Erster visueller Eindruck: schöne Frauen, mit Rundungen, mal mehr mal weniger, aber niemals weg gehungert. Und alle in ihrer Körperlichkeit präsent.
Dahinter die Männer, nicht ganz so bewandet.

Backflash: ich erinnere meine Zeit in Westafrika. Nur morgens hatte ich einen Spiegel. Den Rest des Tages war ich wie ich bin. Fühlte mich wohl, wurde von Tag zu Tag sicherer meiner selbst, weil ich nicht abgelenkt von meinem Äußeren war. Umgeben von Frauen, die denen auf der Bühne glichen, nur meist im Alltags – Boubou.

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Oben, von der Bühne aus, ist es nicht so schlimm.

Die ersten Töne.
Wir sind sofort dabei.
Schon beim ersten Applaus zuckt Teenie zusammen: wie konnte ich DAS vergessen? Dieses plötzlich einsetzende Geräusch, in ihren Ohren wie scharfes Glas. Bin hin und her gerissen. Möchte so gerne, dass sie genießen und entspannen kann und weiß doch, dass es nicht geht und dass ich gar nichts für sie tun kann. Ich weiß, dass sie aushalten wird.

Die Begrüßung auf stark akzentuiertem Englisch, Teenie und ich verstehen es gut, weil wir es öfter als britisches oder amerikanisches hören.
Die Show nimmt Fahrt auf.
Powervoller Gesang, tolle Choreografie.
Begleitet nur von 2 Djemben, gelegentlich ein Keyboard. Weniger ist mehr, hier.
Die Künstler_innen geben alles.
Das Publikum sitzt still und starr…..wie halten die Leute das nur aus? Juckt es nicht in den Beinen? Zuckt vielleicht wenigstens der große Zeh?

Backflash: So oft zusammengesessen, kaum spielt die Musik, schon fängt jemand an zu tanzen. Bei meinen chilenischen Freunden in früher Jugend, meinen afrikanischen später dann.

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Selbst als es so eine Art ‚ Wettbewerb der Tänzer_innen ‚ , umgeben von den anfeuernden Sänger_innen gibt, bleibt die Reaktion im Publikum kühl.
Fast, als säßen wir vor dem TV.

Backflash: auf einer der vielen Tanzgelegenheiten in Afrika fand auch ich mich inmitten eines anfeuernden Kreises der Verwandtschaft wieder. Nach anfänglichen Hemmungen hab ich einfach mitgemacht, es tat nicht weh und keiner hat gelacht. Jede_r wie er/sie kann. Und wie jede/r im Kreis tanzende, hab auch ich mehr mehr gegeben, als sonst auf der Tanzfläche.
Jung, alt, dünn, dick, weiß, schwarz – egal.

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Beifall gab’s für jede/n.

Clap your hands

Musik ohne sichtbare Freude und Bewegung kennen anscheinend nur wir Deutschen. Dafür sind wir groß im Musik Analysieren, im Kritisieren, im Gefühle zurück halten. Außer auf Malle oder mit Alk.
Immerhin wird bei einigen Stücken geklatscht. Zwei Plätze weiter zielsicher neben dem Takt, das muss wirklich schwer sein. Teenie fast vor der Explosion, meine Begleiterin auch sichtlich verspannt. Da hilft auch drüber lachen nicht.

Und dann das Highlight des Grauens:

This –clap– little light of mine –clap….

Kennt jeder. Wie bei Gospel so üblich, wird nicht die erste und dritte, sondern 2. und 4. Note betont.
Man sieht das schon an den Bewegungen der Sänger_innen.

Wir drei geben unser Bestes, von oben bekommen wir Unterstützung, ganz deutlich wird vorgeklatscht.
Es hilft alles nichts : das Klatschen des Publikums macht ein Wanderlied aus dem Song.

Später wird das Publikum aufgefordert, aufzustehen, mitzusingen und zu klatschen. Deutlicher können die Anweisungen nicht sein.
Es klappt: für eine Weile ist es erlaubt, locker zu sein, mit zu gehen mit der Musik. Es funktioniert sogar ganz gut.
Schade, das hätte am Anfang kommen müssen. Aber hätten sich dann die Sänger_innen auf ihren Gesang und Tanz konzentrieren können?
Dies war das 10. Jahr, indem der Soweto Gospel Choir hier aufgetreten ist.
Ich denke, die Künstler_innen wissen, was lohnt und was Energieverschwendung ist.

Nach einigen Zugaben – ja, das Publikum zeigte sich am Ende sehr begeistert- dann die Nationalhymne Südafrikas, anlässlich des kürzlichen Todes von Nelson Mandela.
Ich steh‘ nicht so auf Nationalhymnen, aber diesen Abschluss des Konzertes kann ich nachvollziehen.
Gerade hier in Deutschland :

Apartheid wurde als Verbrechen erstmals in der Internationalen Konvention über die Unterdrückung und Bestrafung des Verbrechens der Apartheid[2] definiert, die von der UNO-Vollversammlung am 30. November 1973 beschlossen wurde und 1976 in Kraft trat, nachdem ihr 76 Staaten beigetreten waren. Eine Reihe von Staaten sind der Konvention bis 2010 nicht beigetreten: Australien, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Kanada, Neuseeland, die Niederlande, das Vereinigte Königreich sowie die Vereinigten Staaten. Quelle

Es hat uns gefallen .
Teenie brauchte eine Weile, um zur Ruhe zu kommen.
Ich frage mich wieder einmal mehr, was die Menschen hier so erstarrt sein lässt.

Musik im Blut?
Davon halte ich nix.
Es ist die Kultur, die es ausmacht.

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Inklusion paradox II

Irgendwann ist Schule Historie und der Schritt in’s Arbeitsleben liegt an.
Berufsorientierung wird an den Schulen heute groß geschrieben, es gibt sogar Zertifikate dafür.
“ Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung“ , das dürfte nicht nur im hiesigen kleinen Stadtstaat so sein.
In der Praxis sieht das dann nicht immer so rosig aus, nachzulesen in meinem Beitrag Reality-Show Bewerbung.

In einer illustren Runde hochkarätiger Verwaltungsbeamter hatte ich kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, die Auswahlinstrumente für zukünftige Verwaltungsangestellte/beamte des mittleren Dienstes präsentiert zu bekommen.
Also für die jungen Menschen, die mit Realschulabschluss oder Abi direkt in die öffentliche Verwaltung wollen.
Für die Akademiker_innen gibt es andere Verfahren.

Nun ist es ja nicht so, dass man sich heutzutage einfach nur bewirbt. Viel zu einfach.
Zukünftige Versicherungssachbearbeiter_innen werden im Klettergarten auf Teamfähigkeit geprüft.
Ach, du würdest Dachdecker_in werden, wenn du schwindelfrei und sportlich wärst?

Also, warum sollte es im öffentlichen Dienst (ÖD) anders sein, immerhin werden diese Beschäftigten von unseren Steuergeldern bezahlt.
Damit nicht unnötig viel Zeit der bereits im ÖD befindlichen Menschen verplempert wird, können Schulabgänger_innen sich in einem self-Assessment selbst checken: C!You macht’s möglich.

Wir bieten Ihnen die Möglichkeit schon vor einer schriftlichen Bewerbung selbst zu prüfen, ob das Berufsbild der Allgemeinen Verwaltung Ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Erleben Sie uns spielerisch, interaktiv und anonym!

Wird in der ersten Runde noch gespielt, muss sich der/die selbst-gecheckte/r Kandidat_in im nächsten Schritt daran machen, eine Bewerbung zu schreiben.
Mit ein wenig Glück landet diese nicht bei den 50% für die Rundablage bestimmten.
Sondern es geht weiter zum Präsenz-Eignungstest.

Psychologische Eignungstestung

2 sehr kompetente junge Psychologinnen klärten die Beamtenrunde nebst mich darüber auf, was es damit auf sich hat. Natürlich keine Persönlichkeitstestung, es geht nur um Leistung. Alles streng nach DIN XYZ.
Soll jetzt alles elektronisch gemacht werden.
Das fänden die jungen Leute toll.
Und die Auswertung sei schneller. Mühsames Schablonen-Auflegen entfalle.
Das Ergebnis sei 4 Tage früher da. Was für eine Verbesserung.
Da wird die Privatwirtschaft aber staunen.

Wer sich im Test als geeignet zeigt, darf dann endlich ins Assessment.
Dort dann noch mal 3 Testblöcke in der Gruppe.

Selbstverständlich ist Chancengleichheit garantiert. Schwerbehinderte können sich vorab melden und bekommen ihrer Beeinträchtigung entsprechende Testbedingungen.

Wer all‘ diese Hürden geschafft hat, darf in’s Vorstellungsgespräch.
Ein echter Dialog, wie ging das nochmal?

Bestenauslese

Beste/r schon vor Ausbildungsbeginn.
Im Eignungstest sicher an der richtigen Stelle das Kreuzchen gemacht.
Nicht zu nervös gewesen.
Im Assessment sozialkompetente/r Tonangeber_in.
Oder gute/r Schauspieler_in.

Wird dieser Mensch seine Arbeit mit Hingabe machen? Wird er ein zuverlässiger Kollege sein?
Was bringt er besonderes ein, in’s Team?

Inklusion!
Tönt es in jeder Sonntagsrede unserer örtlichen Politiker_innen.
Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Verwaltung soll erhöht werden. Niemand verloren gehen.

Was ist mit den Menschen, die etwas Zeit brauchen, um in eine Aufgabe hineinzuwachsen?
Denen man die Möglichkeit geben muss, sich an der Aufgabe zu entwickeln?
Die in Tests schlecht abschneiden, in der Praxis aber überzeugen können?
Ohne anerkannte Schwerbehinderung, aber dennoch durch ein so dermaßen standardisiertes Auswahlverfahren ohne Chance sind?

Mit anderen Worten: jenseits der Norm?

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Inklusion paradox I

Menschen, die ihre Umwelt anders erleben, bewegen sich in einer Gruppe, z.B. Schulklasse, anders als ihre Mitschüler_innen.

Hochsensible entziehen, zapplige bewegen sich, autistische erstarren. Sie halten sich die Ohren zu, geben den Klassenclown, sitzen unter dem Tisch, träumen sich weg, werden aggressiv.
Das alles erfolgt nicht absichtlich. Sie machen sich damit richtig, können auf diese Weise bei sich selbst bleiben.
Wer mit diesen Kindern zu tun hat weiß, dass sie oft selbst am meisten darunter leiden, den (schulischen) Ansprüchen an ihr Verhalten nicht gerecht zu werden.
Sie empfinden sich häufig als „nicht richtig“, schlecht und böse.
Sie sind traurig, dass sie die Lehrer_in\ Eltern immer so enttäuschen.
So sehr sie sich auch abmühen,nie gelingt ihnen angemessenes Verhalten wirklich, bzw. nur unter großer Anstrengung und nicht auf Dauer.

Wenn es in einer Schulklasse drunter und drüber zugeht, ist das für niemanden gut.
Am wenigsten für die kleinen „Andersweltler“ .

Wie also wird in Zeiten der Inklusion ein gutes Lernklima für alle Kinder hergestellt?

Vorsicht! Zeiträuber!

Du hast uns heute wertvolle Lernzeit gestohlen, indem du

> wiederholt den Unterricht gestört hast
> dich nicht schnell, leise und ordentlich aufgestellt hast
> nicht pünktlich in den Unterricht gekommen bist
> deine Hausaufgaben nicht vorzeigen konntest
> dich mit anderen Kindern gestritten hast
> nicht zugehört hast

Überlege dir bis morgen, wie du es wieder gut machen kannst!
Schreibe Deine Idee auf die Rückseite!

Diese netten kleinen, freundlich aufgemachten und doch vernichtenden Briefchen bekommen Erstklässler_innen hier vermehrt bereits nach 2 Schulwochen ausgehändigt.

Reicht es nicht, dass Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten sich als unfähig empfinden, müssen sie sich nun auch noch schuldig gegenüber der Gruppe fühlen?

Bin ich vielleicht zu kleinlich und das ist gar nicht so schlimm?
Ich zeige Teenie den Zettel.
“ Oh je, dann hätte ich mich ja von Anfang an als Schwerverbrecher fühlen müssen „, sagt eine,
die in 9 Schuljahren nicht 1 mal wegen Störung des Unterrichts gemahnt wurde.

Und ich mich erst !

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Zeit des (raus)fliegens

Pubertät ist wenn die Eltern schwierig werden….. so oder ähnlich titeln Publikationen zum Thema.
Es geht um Konflikte zwischen den Generationen.
Um‘ s losziehen und loslassen.

Jugendliche brauchen das elterliche Unterstützungsnetz immer weniger und wollen es auch nicht mehr.
Eltern müssen damit klarkommen.
Umorientierungen der Kinder sind zu ertragen, ihre eigenen Vorstellungen vom Leben lösen die der Eltern ab.
Zurückweisung ist an der Tagesordnung.
Diese zu verdauen wird damit belohnt, sein Kind bestehen zu sehen.
Jugendliche sind labil aber stark und stapfen mit großen Schritten in’s Leben hinaus.
Alle?

Eltern von Kindern mit größerem Unterstützungsbedarf sind es gewöhnt, über Jahre nicht nur ihren Kindern ins Leben zu helfen, sondern gleichzeitig die separatistische Haltung unserer Gesellschaft auszugleichen.
Wir bringen unsere Kinder noch in den Sportverein, wenn Gleichaltrige schon längst allein dort klarkommen. Und sei es, um für unsere Kinder problematische Pausen oder Umkleidesituationen erträglicher zu machen.
Um unseren Kindern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, sind wir da.
Dort, wo sie uns brauchen. Je älter die Kids werden, desto seltener sehen wir die Eltern ihrer Kameraden.
Wir haben Problemlösungen parat, wo andere kein Problem sehen/haben.
Sind der doppelte Boden. Meist unsichtbar, wir wollen unsere Kids nicht bloßstellen.

Und dann kommt auch für uns die Zeit, in der unsere Unterstützung nicht mehr erwünscht ist.
Und deren Wegfall doch nicht in gleicher Weise wie für andere Jugendliche entbehrlich ist.
Richtungswechsel auf eigenen Wunsch, ein kleines Übel aus elterlicher Sicht.
Schulterzucken und ein “ schade um die Begabung “ ……und loslassen.

Die Karawane zieht weiter

Für unsere Kinder kommt nun vermehrt der Punkt, an dem sie ohne doppelten Boden nicht mehr mitmachen können, auch wenn sie wollen. Sie erkennen es selber, kämpfen ( erfolglos) dagegen an.
Oder es wird es ihnen zu verstehen gegeben.
Unsere Sport-Musik- und sonstwie- Vereine/Gruppen sind nicht inklusiv.
Je Jugendlicher desto Leistung.
Pokale, Preise, Auszeichnungen sind wichtig.
Wer dabei sein will, muss funktionieren. Auch da.

„Dann mach doch wo anders mit“ – tröstende Worte, von denen wir selbst wissen, dass es Beschönigen der Realität ist.
Wo denn?

Unseren Kindern wird nicht nur die Teilhabe, sondern auch die Teilgabe verwehrt.
All‘ die tollen Fähigkeiten, Stärken, Begabungen bleiben ungesehen und ohne Möglichkeit, in eine Gemeinschaft einzufließen.
Das macht es so bitter.
Vom individuellen Schmerz darüber will ich gar nicht erst anfangen…
Die Bedeutung der kleinen, (inklusiven ) Familienwelt nimmt für unsere Jugendlichen ab.
So soll es sein.

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Sie wird ersetzt durch …. nichts?

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