Lücken-Glück

Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie andere Leute leben. Von außen sieht das immer prima aus: ordentliche Wohnung oder Haus, wohlgeratene Kinder mit guten Schulnoten und beruflicher Perspektive, eine stabile Beziehung…. Und klar, dann und wann etwas Stress auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld. Manchmal sogar ein Schicksalsschlag. Unter jedem Dach ein Ach, sagt man doch so, oder ?

Manchmal mache ich es mir leicht und sage mir: das ist alles Fassade, in Wirklichkeit sieht es da auch nicht besser aus als hier. Das ist eine nette Beruhigungspille.  Die nicht lange hält. Beruhigen würden mich statt ca. 2 Mini-Katastrophen monatlich
(ablehnenden Bescheide, Krankenhausbulanzen, Overload usw. ) nur  2 pro Jahr.
Pro Familie, nicht Person,  versteht sich.

Das könnte ich aushalten. So stelle ich mir ein leichtes Leben vor. Ist das gemein, gelegentlich so zu denken?

Mängelexemplar Deutschland

Vielleicht bilde ich mir das nur ein:   Mir scheint als würde es fast keine Freizeit-und Kontaktmöglichkeiten für junge Leute ohne Geld außerhalb der Bildungseinrichtungen
(nebst Leistungsanspruch) mehr geben. So offene Angebote meine ich. Da, wo man auch als Sonderling hin kann. Irgendwie dabei sein und  mit Chance gleichaltrige kennen lernt .
Von politischer Jugendbewegung will ich gar nicht erst träumen.
Oder Sozialsprechstunden auch für Menschen überhalb des ALG II -Satzes.
Gibt es Unterstützung für belastete Familien außerhalb des Therapie-Business?

Selbsthilfe scheint im stillen Kämmerlein  zu passieren, nach außen wird gar nicht oder erfolgreich ( politisch) aufgetreten: Leid verkauft sich nicht gut.

Die Krankenstände in den Betrieben  sprechen eine andere Sprache. Die Wartezeiten in den Psycho-Ambulanzen und psychosomatischen ( Reha ) Kliniken auch. Die Anzahl der sehr jungen Leute dabei erschreckend.

Privatisierung und Individualisierung

Familien, die einen Menschen mit Behinderung in ihrer Mitte haben, müssen weitgehend allein klar kommen. Oft ist das verbunden mit der Aufgabe/Reduzierung der Berufstätigkeit eines weiteren Familienmitglieds. Leistungen werden mehr und mehr gekürzt und müssen privat eingekauft oder selbst geleistet  werden. Wenn es niemanden gibt , der die ökonomische Seite sichert, heißt das Armut oder Durchhalten.

Wer noch Unterstützung von professioneller Seite bekommt , trifft auf überlastete Helfer. Manche retten sich in die ‚ professionelle Abgrenzung‘ und andere reiben sich mehr und mehr auf.  Auch hier rechnet das System  mit verantwortungsvollen Menschen,  die Hilfe nicht versagen. So wird die Unterstützungsverantwortung individualisiert, hängt vom Engagement des Unterstützers ab, und dieser muss seinerseits aufpassen, nicht in den Strudel der Überlastung zu geraten.

Mobbing statt Ausbeutung

Die Individualisierung von gesellschaftlichen Systemfehlern macht auch vorm Arbeitsplatz  nicht halt. Es ist erschreckend , wie junge , von Schule  und Uni neoliberal geprägte mittlere  Führungskräfte  agieren. Mitbestimmung halten die für ein Relikt aus der Steinzeit. Aber mag der Arbeitsdruck auch noch so groß sein , für kollektive Verbesserungen  macht sich heute kaum ein Arbeitnehmer stark. Jeder wurschtelt irgendwie für sich  rum, geht in Deckung, gibt Druck weiter wenn möglich, macht mit so gut und so lange er kann. Bis man selbst der gelackmeierte ist, krank wird oder sich gemobbt fühlt.

Saure-Trauben-Strategie?

Wo ist denn nun das Glück von dem ich eigentlich schreiben wollte?
Ich weiß es gerade selbst nicht.
Aber ab und an taucht es auf: wenn wir wieder eine Hürde im Sozialleistungs-Abwehr-Dschungel  genommen habe,  Teenie selbstbewusst mit ihrem So-Sein umgeht, ich im Rückblick sehe, was wir alles schon bewältigt haben, zwischen all den immer wieder neuen Anforderungen lustige, entspannte und kreative Momente erleben.
Wenn ich spüre, wie ich selbst zunehmend entlastet bin, weil das Kind seinen Weg geht. Es doch immer wieder Berührungspunkte mit anderen engagierten Menschen gibt, sei es im real-life oder digital.
Ich an die gar nicht so wenigen Menschen denke, die für mich im Verlaufe meines Lebens zur rechten Zeit am rechten Ort waren und ich sehe, dass auch ich das zuweilen für andere Menschen sein durfte.
Dann stellt sich sogar so etwas wie Zufriedenheit ein.

 

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Hochfunktional ist ein Ar***loch

hochinteressant, hochbegabt, hochmotiviert,  hochgelobt, hochverehrt, hochbeliebt, hochbegehrt, hochbezahlt, hochberühmt, hochklassig, hochqualifiziert…

Hochfunktional.
Maske auf, Tür auf, Alltag an. Hinausspaziert in das Lebern unter NT´s/Stinos. Nowbody knows. Geräusche gedämmt mit Musik. Geliebte Knöpfe in den Ohren. Sieht wie eine allgemeine Mode aus ist aber ein willkommener Schutz vor dem Geräuschdurcheinander.

Lieber zu Fuß oder mit dem Rad, diese vielen Menschen in  Bus oder Bahn.
Auf der Arbeit Hallo hier und Hallo da. Lieber gleich anfangen…. Konzentration auf die Aufgabe, Pausen nerven. Durchziehen, was schaffen, wieder weg . Oder bleiben und weiter arbeiten… Gut gemacht.
Überstanden, nun noch den Einkauf. Knöpfe rein in die Ohren, geliebter Sound statt Lärm.

Ankommen in Sicherland. Hinlegen. Ausatmen. Endlich essen. Geschafft, erschöpft.
Warten auf den nächsten Tag. Alleine. Mal mit den geliebten Gewohnheiten, mal ohne. Da fehlt was. Das unverstellte Sein-dürfen inmitten von Menschen. Müssen ja nicht viele sein, nicht permanent. Wie geht das?
Sichtbar nun die Seite, die keiner sehen will.
Die nicht gezeigt wird, bei Menschen, die bewerten.

Hochleistung, Hochkultur, Hochverarschung.

Keine sozialpädagogische Unterstützung mehr, läuft ja alles prima.
Die Fantasie im Amt : hochbegrenzt.
Sieht doch alles toll aus. Seien sie stolz auf ihr Kind. Und auf auf sich.

Verflixte Sch****, wie denn, wenn dabei nur heraus kommt, dass gebrauchte Unterstützung versagt wird?
Wenn wieder nur bleibt: die kleinen Inseln im Alltag suchen, die einen Moment Entlastung bringen, und sei er noch so klein.

 

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Was man so denkt

Mach‘ das bloß  nicht

Man könnte meinen, schlimmer noch als eine Behinderung zu haben sei die amtliche Anerkennung derselben. 

Man könnte mutmaßen, bei neurologischen Sonderformatierungen wie z.B. ADHS und Autismus Spektrum Störung wisse man ja gar nicht, ob die Beeinträchtigung das Ausmaß einer Behinderung erreiche. Man sieht ja nichts. 

Man könnte behaupten, es sei für das Kind besser, nicht abgestempelt zu werden, denn…

Man weiß ja nie, ob es sich rauswächst.

Man vermutet, es  läge  an den Eltern : falsche Erziehung, falsche Erwartungen, falsche Ansprüche, falsche Therapien, Kita, Schule, Hobbys. 

Falscher Lebensstil- was, die Mutter  bleibt berufstätig?!?

Falsches Essen. 

Prima Hilfe 

Zu allem diesen Themen werden Eltern von nicht sichtbar ( bzw. nicht durch Biomarker feststellbaren Handicaps) behinderten Kindern von allen erdenklichen Menschen beraten. Familie, Freunde und vor allem Experten wie Ärzte, Psychologen, Erzieher, Lehrer, Jugendamt, Rehaberater der Arbeitsagentur, Rechtsanwälte.  

Man sollte sicher sein, dass die Eltern bei so viel gut gemeintem Rat gut unterstützt seien.

Wobei aber brauchen Eltern dieser Kinder  überhaupt vorrangig Unterstützung?  Am Anfang stehen Angst, Schmerz, Schuldgefühle, Wut, Zweifel und immer wieder Hoffnung. Das Begreifen und die Akzeptanz kommen erst nach und nach und sind ein mühsamer Prozess. Wer begleitet die Eltern dabei? 

Parallel die Bürokratie: Diagnostik, Therapien, Integrationsplatz in Kita und Schule, Hilfe zur Erziehung, Eingliederungshilfe, unterstützte Ausbildung ( Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben), Hilfe für junge Erwachsene durch das Jugendamt. Immer wieder Anträge, Widersprüche , Hotlines, Wartelisten und Termine. Wer ist Eltern-Scout  in diesem Dschungel? 

Man mag es nicht glauben: das alles geht -hinreichend Biss und Durchhaltevermögen vorausgesetzt- ohne amtliche Anerkennung einer Schwerbehinderung und auch nach vielen Jahren des Hürdenlaufs durch Arztpraxen, Jugendamt & Co wird dennoch oft von einer Antragstellung der Feststellung einer Schwerbehinderung abgeraten. Selbst wenn es für diese im Regelfall einen GDB zwischen 50-80 gibt.

Man könnte den Eltern sagen: macht es doch trotzdem. Klar, wenn denn nicht der Jugendliche, der schon genug mit der Bewältigung seines Handicaps zu tun hat, längst  zusätzlich verunsichert worden wäre und Angst hätte, aufgrund einer amtlichen Anerkennung seiner Behinderung endgültig im Aus zu landen. Wenn nicht den Eltern selbst schon genug Angst vor diesem Aus gemacht worden ist. 

Behindert. Noch immer ein Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Noch oft genug Grund, dass Türen sich schließen als dass Wege sich ebnen. 

Aber auch ein Status, der Ansprüche  auf Unterstützung begründet. Also  Kosten verursacht- vom Schulbegleiter, Teilhabeleistungen, Kindergeld  bis zum persönlichen Budget. 

Gut angelegtes Geld, wohlbemerkt.

Den Experten sei gesagt: gut gemeint ist nicht gleich gut beraten. 

Den Behörden: her mit dem Geld.

Uns Eltern und betroffenen Kindern / Jugendlichen: es ist unser gutes Recht- lassen wir es uns nicht nehmen. 

Das ist einfach gesagt…auch wir haben viel zu lange für diesen Schritt gebraucht. Und bereuen ihn nicht.  
 

Was geht?


Geschafft.

Weihnachten und so. Ein frisches Jahr ist da. Neubeginn?

Ich habe keine Ahnung. Von den üblichen Feierlichkeiten habe ich mich fern gehalten. Da wir hier noch vor dem Weihnachtsfest ein Geburtstagsfest haben, reicht meine Kondition meist nicht bis zur Party der guten Vorsätze. Ich habe sowieso nie welche.

Was ich habe sind Pläne und Wünsche. Nicht unbedingt in Zusammenhang mit Neujahr, eher so generell.  Manche davon realisierbar… die meisten davon wohl eher nicht. Ich könnte jetzt eine Reihe von „hätte/wäre-Sätzen“ niederschreiben, lass ich aber.

Ein paar kleine Kurzfristprojekte gibt es auch. Ganz simple Sachen, dachte ich. Konfrontiert mit etlichen Gehtnichts seitens Dritter gebremst. Nun versuche ich heraus zu bekommen, was geht.  Und stosse dabei auf meine eigenen Grenzen in Form von Willnichts.

Wie machen das Stino/NT-Familien?  Setzen die sich an einen Tisch, jeder äußert seine Dasgehts und dann geht es nur darum, das beliebteste davon  auszuwählen?

Nun, bei uns ist das so einfach nicht. Unsere Aufgabe ist es wohl zunächst, den Blick von den Einschränkungen weg zu lenken hin zu den Möglichkeiten, seien sie auch noch so eingeschränkt. Und dann dann daraus einen für alle tragbaren Kompromiss zu finden. Nicht einfach bei gegensätzlich gepolten Menschen.

Und dann auch noch zufrieden sein mit dem Ergebnis. Puh.
Das ist überhaupt DIE Aufgabe für das neue Jahr.
Ein Jahr der kleinen Schritte.
Inklusion kommt nicht in die Puschen.
Entwicklung kann nicht beschleunigt werden.
Es ist wie´s ist.
Immerhin  ist auch Zusammenleben möglich.
Dass wir den Blick dafür behalten, das wünsche ich uns.

Und auch euch, mit welchen Gehtnichts ihr auch immer zu kämpfen habt.

Ein frohes neues Jahr für euch!

Eure LW

 

 Härtefall Deutschland

Im schönen reichen Hamburg tut man sich schwer mit Inklusion. Das ist nichts neues und in D auch nichts einzigartiges. 

DIE ZEIT berichtet aktuell über einen 15jähriges autistischen Jungen, der trotz diverser Bemühungen einiger Behördenmenschen und hartnäckiger Lösungssuche der Eltern, auch über den Rechtsweg, statt in der Schule nun wieder einmal zu Hause sitzt:  Und wo soll er jetzt hin?

Das, was in dem Artikel geschildert wird, ist kein Einzelfall. 

Das, was dem Kind zugemutet wird, ebenfalls nicht. 

Eltern werden in gerichtliche Auseinandersetzungen getrieben, obwohl sie alles andere als das wollen und brauchen.

Und stehen schnell als Querulanten da. 
Der Artikel ist, von einigen Sätzen, die Steilvorlagen für Inklusionsgegner sind, gar nicht so schlecht. 

Sowas wie “ wahrscheinlich teuerster Schüler Hamburgs“ darf man einfach nicht in Zusammenhang mit Behinderung schreiben. 

Wenn schon, dann in Zusammenhang mit Erfolg, gewonnenen Wettbewerben, großer Begabung, Ruhm für uns alle. 
Die Reaktionen in den Kommentaren sind entlarvend.

Da werden in erster Linie die Eltern kritisiert. Zu anspruchsvoll, zu kämpferisch, sie sollen umziehen, sie machen das nur um Recht zu bekommen, kein wahres Interesse am Kind, hätten das Geld statt für Rechtsanwälte für Altersvorsorge für den Jungen anlegen sollen und sogar: die hatten doch schon 1 ( älteres)  autistisches Kind, wie konnten die weitere Kinder bekommen? 
Generell wird unterstellt, dass hier die Allgemeinheit unverhältnismäßig für Sonderlocken für Sonderlinge bluten muss. 

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Regelungen ‚unter der Hand ‚ doch immer gingen. Ein Schlag ins Gesicht für alle, die nicht über Vitamin B oder besonderes Verhandlungsgeschick verfügen. 

Ich stelle mir Menschen vor, die einerseits gebildet sind, über Erfahrungen mit Behörden – Deals verfügen und gleichzeitig Eltern behinderter Kinder als egoistisch, gierig und machtgeil hinstellen.

Ekelhaft.

An anderer Stelle hat mich ein Beitrag auf Faz.net mit dem Titel ‚Die  Neue Präventionskultur –  Wir sind total kontrolliert ‚ nachdenklich gestimmt.

In diesem Artikel geht es darum, wie bereitwillig heute jeder Einzelne Selbstoptimierung und Selbstkontrolle  betreibt. Diese längst nicht vor der Optimierung/ Kontrolle noch nicht geborener Generationen halt macht und es eine verblüffende Kontinuität eines Gedankenguts, von dem wir denken, es hinter uns gelassen zu haben, gibt.

Es gibt sie immer noch, die Diskussion um leben-und unlebenwertes Leben. Nicht nur was die Geburt behinderter Menschen angeht, sondern auch in Bezug auf unser Ableben. 

Wie weit darf ein Mensch der Gesellschaft zur Last fallen?  Was ist, wenn seine Kosten den Nutzen überschreiten? Darf er sich selbst der Allgemeinheit zumuten?

Wunderbar, unsere Entscheidungsfreiheit.  NIemand muss jemandem zur Last fallen. Wir knipsen einfach das Licht nicht an oder aus. Ganz selbstbestimmt.

Wie soll Inklusion eigentlich gelingen, wenn unser ganzes System auf Selektion ausgerichtet ist?

Über die Kommentare zu dem Zeit-Artikel müssen wir uns wahrlich nicht wundern.
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Anders

Mein Vater gibt sich Mühe. Meine Mutter nennt mich weiter Felix. Sie erträgt es schlecht, wenn Dinge sich ändern. Man muss dafür Verständnis haben, oder?

Anders‚  von Andreas Steinhöfel – eine Buchbesprechung

Felix ist ein eher unscheinbarer, gut behüteter 10jähriger Junge.

Bis er einen Unfall hat, der ihm eine Kopfverletzung,  eine Zeit im Koma und  eine partielle Amnesie beschert. Zwar beherrscht er noch immer unsere Kulturtechniken, aber an die Menschen aus der Zeit vor dem Unfall kann er sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an sich selbst.

Nicht nur er muss seine Eltern und Freunde neu kennenlernen, sondern auch umgekehrt. Felix benimmt sich völlig anders, hat andere Vorlieben, Stärken und vor allem: er nimmt die Welt auf eine besondere Weise war und verhält sich entsprechend.
So ist es nur konsequent von ihm, dass er nicht mehr Felix heißen möchte.
Anders, diesen Namen hat er sich ausgesucht, denn so fühlt er sich auch.

Die Mutter, gewohnt, ihrem Sohn den Alltag vorzugeben, zu bestimmen was wichtig ist und was nicht und damit seine Entwicklung akribisch zu lenken, sieht sich nun mit der Unmöglichkeit der Fortsetzung ihres Konzeptes konfrontiert.
Aus dem formbaren Sohnemann ist ein eigenwilliger Mensch, der seinen Weg auf seine Weise geht, geworden.
Plötzlich ist sie eine Mutter, dessen Kind nicht mehr funktioniert, wie es in ihrem sozialen Umfeld sonst üblich ist. Kein Kind zum Vorzeigen.

Nicht ganz so schwer tut sich der Vater.
Auch er nimmt sich vor, seinen Sohn neu kennen zu lernen. Und merkt, dass er ihn auch vorher nicht besonders gut kannte. Er schafft es, sein verändertes Kind anzunehmen, vielleicht sogar mehr als das Kind vor dem Unfall.
Konflikte zwischen den Eltern sind vorprogrammiert.

Bleibt noch die Sicht der Kinder, denn  Anders/Felix  hat Freunde, geht zur Schule und wie es sich für ein Jugendbuch gehört, liegt der Focus der Geschichte nicht bei den Befindlichkeiten der Eltern sondern dem Treiben der Kinder in Form einer spannenden Geschichte. Denn eigentlich ist es aus deren Sicht gar nicht so wünschenswert, wenn Anders sich an früher erinnert….

Gekauft habe ich Andreas Steinhöfels Buch ‚Anders‘ nicht für mich, sondern für Teenie. Nach ein paar Seiten hab ich es nicht mehr her gegeben.
Mir gefiel, wie Anders Eigenheiten die Mutter mit ihrem Perfektionismus ausbremste.
Der Wandel von Felix zu Anders eröffnet dem Vater hingegen eine Beziehung zu seinem Kind, wie er sie vorher nicht haben konnte und setzt zudem einen ganz persönlichen Emanzipationsprozess bei ihm in Gang.

Im Vergleich zwischen Felix und Anders schnitt Letzterer mit seiner inneren Autonomie gesellschaftlichen Normen gegenüber deutlich besser auf meiner Sympathie-Skala ab.
Sicher auch, weil ich in Anders neuer Sensibilität, Reizoffenheit und ungewöhnlichen Fähigkeiten häufig mein eigenes Kind wieder erkannte.

Ohne sich medizinischer Diagnosen zu bedienen, beschreibt Steinhöfel ein Kind, für das unsere Gesellschaft die Schubladen des DSM 5 bereit hält.
Er beschreibt es mit Sicht auf seine Stärken. Wie schon bei den Büchern über Rico und Oscar, schafft er es, stigmatisierende Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen wie z.B. ADHS, Autismus, Synästhesie als ganz gewöhnlich und überhaupt nicht bedrohlich darzustellen.

Steinhöfels neues Buch geht über die Beschreibung der Welt der Kinder weit hinaus. Es zeigt auch auf, in welchen gesellschaftlichen Mustern die Erwachsenen verhangen sind. Wie sie den Schein der perfekten Familie wahren. In der Leistungsgesellschaft dabei sein wollen. Ihren Kindern um den Preis der Kindheit versuchen, einen guten Platz darin zu verschaffen. Zur Reflexion ihres Tuns nicht in der Lage sind.

Sie holt mich immer ab. Überall…..Man ist dauernd überwacht. Man kann nichts alleine machen. Mein ganzes Leben ist ein Scheiß-Überwachungsstaat. (S. 116)

Sich selber, auch wenn sie spüren, dass das alles nicht gut und richtig ist, dennoch den Gepflogenheiten und deren Hütern unterordnen.

Einen Menschen wie Anders brauchen, um endlich zu sehen, was falsch läuft in ihrem Leben.
Aber auch, dass ein Wandel dieser gesellschaftlichen Werte nebst Veränderung der Lebensgewohnheiten derzeit den Preis des Nicht-Mehr-Dazu-Gehörens hat.

Weitere Protagonisten wie eine Nachbarin, ein ex-Nachhilfelehrer, das pädagogische Personal und die Kinder nebst ihren Eltern in der Schule verdeutlich die möglichen Reaktionen auf Menschen wie Anders: Abgrenzung, Angst, Bewunderung, Respekt, Verunsicherung.

Ich bin gespannt, was Teenie zu dieser Geschichte sagt.

Ihre erste Ablehnung gegen das Buch ( lass mich mit dem anders-Scheiß in Ruhe, ich bin Teenie, mich interessiert das nicht, nicht ich hab Probleme sondern der Rest der Welt ) ist der Neugier gewichen, schließlich geht es um ihr bekannte Wahrnehmungsweisen und es ist von einem ihrer Lieblingsautoren.

Außerdem reizt sie der Diskurs darüber mit mir.
Ein willkommener Anlass, wieder einmal über unser Zusammenleben und die uns leitenden Werte zu reden. Ich bekomme da manchmal mein Fett ab… aber dennoch:
Ich freu mich drauf.

Mit Anhieb schafft dieses Buch den highscore auf meiner Lieblingsbuch-Liste.
Steinhöfel ist ein tolles, unaufdringliches Plädoyer für Inklusion gelungen.

Unbegingt lesenswert.

Leise Zweifel bleiben lediglich bei der Altersangabe des Verlages. Für 12jährige scheint es mir noch etwas früh.

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Mantra

Mir ist egal, welchen Beruf mein Kind wählt, Hauptsache, es wird damit glücklich.

Das haben doch die meisten Eltern schon mal von sich geben, oder?

Noch im Halbschlaf sage ich mir immer wieder diesen einen Satz, von dem auch ich überzeugt bin, in Gedanken vor.
Denn heute nehme ein weiteres Stück Abschied vom Wunschtraum, dieser glücklich machende Beruf  werde gleichzeitig einer sein, der gesellschaftlich hoch anerkannt ist und gut bezahlt wird.
Ich nehme auch Abschied von meinem jahrelang verfolgten Ziel, mein Kind möge soviel Normalität wie möglich und lediglich so wenig Spezialität wie nötig erleben.
Das schmerzt und ich werde das Gefühl der Unzulänglichkeit nicht los.
Wir fahren in eine kleine Stadt nicht weit von unserer Großen, um
ein Berufsbildungswerk zu besichtigen. Überbetriebliche Ausbildungen für Menschen mit Behinderungen werden dort angeboten. (1)
Ich habe Vorbehalte.
Ist es das Richtige?
Wird mein fast erwachsener Teenie dort genug Anregungen für ein ‚ normales ‚ und eigenständiges Leben bekommen?
Meine eigenen Gedanken befremden mich. Die anderen jungen Erwachsenen dort können doch ebenso wunderbare und vielseitige Menschen sein wie sie!
Und mal ehrlich: wie viele Anregungen habe ich bereits nur allein von Teenie gerade wegen ihrer Besonderheit bekommen?

Das Gegenteil von Inklusion

Es fällt mir schwer JA zu dieser Sonderwelt zu sagen. In meiner Vorstellung ist es möglich und wünschenswert, mit Menschen mit Beeinträchtigungen in unserer Mitte zu leben und zu arbeiten. Letzteres gesondert zu erwähnen ist wohl notwendig in unserer verdrehten Welt, die in Hierarchien wie Dritte Welt, zweiter Arbeitsmarkt, Geberländer, Leistungsträger u.v.m. denkt. 

An diesem Tag heute muss ich akzeptieren, dass die Realität für mein Kind nur eine  Berufsausbildung ‚ auf dem Mars ‚ vorsieht.
Das ist bitter. 

Das Glück der Erde…

Ich sehe, wie Teenie neugierig und zielstrebig den ersten Kontakt vor Ort aufnimmt. Bin erstaunt über ihre klaren Vorstellung, erfreut über ihre Unvoreingenommenheit. Hier kann sie sogar ihren Traumberuf erlernen.
Sie sieht zugleich die Chance den nächsten, ihr angemessenen Schritt zu machen. 
Den Heimatort verlassen. 
In Gemeinschaft mit jungen Leuten leben. 
Ihr Blick zu mir : ich hab‘ dir doch schon immer gesagt, ich will was mit Pferden machen.
Ich krieg das alles hin, mach dir keine Sorgen.

Diese Treppe hatte ich schon oft vor der Linse. Meine liebe Leserin Anita schrieb dazu sinngemäß: “ wer weiß, wo diese Stufen unsere Kinder hinführen“ . Ich mag diese Treppe.  Blickt man hinauf, sieht man in den Himmel. Der Blick hinab weist auf das weite Meer…

Am nächsten Morgen steht ihre Entscheidung noch immer.
Ich aber denke daran, was es heißt, einen Beruf im
Niedriglohnsektor zu ergreifen.
Weise Teenie auf die nicht berauschenden Verdienstmöglichkeiten in dieser Branche hin. ( 2 )

Hey Mum, ich schreibe doch erst das Vorwort des Buches meines Lebens, bleib mal cool.

Ach, auch eine Löwenmutter hat zu weil ein Hasenherz.

Aber während ich das alles so denke und schreibe, wetze ich bereits meine Krallen für das kommende Match mit der Bundesagentur für Arbeit…..

(1) wer jetzt denkt, Teenie hätte einen offiziellen Behinderten-Status, irrt.
Die BA hat jetzt lediglich gemerkt, dass es Grenzen dabei gibt, Menschen mit einer ‚Sonderformatierung‘ die gängige ‚Standardsoftware‘ aufzuzwingen.
(2) für mich behalte ich, welche Auswirkungen das auf mich hat: arbeiten, bis es nicht mehr geht..

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Her mit dem Stigma!

„Situationsanalyse und sozialpädagogische Diagnose ergeben ein klares Bild, das Frau X die Jugendliche Y bisher hervorragend unterstützt hat. Es ist nun an der Zeit, Y , die sich im Abnabelungsprozess von der Familie befindet, externe Unterstützung anzubieten, damit gleichzeitig Frau X zu entlasten und ihr wieder Freiraum für die eigene Weiterentwicklung zu schaffen. Die Unterstützung der Y erfolgt im Hinblick auf die von ihr zu erbringenden besonderen Leistungen beim Übergang in das Erwachsenen-Leben. Es besteht ein Anspruch auf Unterstützung gemäß §§ …….“

Ja!
Nach jahrelangem, kräftezehrendem Begleiten eines Kindes mit speziellem Betreuungsbedarf im familiären Miteinander,  bei der Erlangung von Alltagsfertigkeiten, Schule, Freizeit und gleichzeitiger Stärkung besonderer Fähigkeiten und Begabungen wären diese Worte Ausdruck der Anerkennung und Wertschätzung elterlicher ( hier alleinerziehender, berufstätiger ) Höchstleistung und gleichzeitig ein Signal an den jungen Menschen, dass es sich lohnt, ihm, der seinen Weg in die ‚Normalo-Welt‘ so mühsam finden muss, individuelle Orientierungshilfe anzubieten. image

Wären?
Unser Jugendamt ist wirklich o.k. Verständige und engagierte Mitarbeiter. Schnelle Bearbeitung. Eine für alle akzeptable und vorwärts weisende Maßnahme.

Aber….
Um den Anspruch auf Unterstützung zu begründen, müssen die Voraussetzungen des Gesetzes erfüllt sein. Und dieses spricht von hilfebegründenden Defiziten. Bei den Eltern und Kindern. Worte wie Überforderung, Probleme usw. im amtlichen Bescheid brennen wie Feuer. Da kühlt auch der Gedanke, dass die beteiligten Sozialpädagogen das gar nicht so sehen, sondern eher Respekt vor dem, was wir geschafft haben, ausdrücken und eifrig dabei sind, sich auf unseren Kenntnisstand bzgl. Synästhesie, Hochsensibilität & Co zu bringen, nicht wirklich.

Schwarz auf weiß.
‚Ihr kriegt es nicht hin‘.
Der Preis, den Familien wie wir immer wieder zahlen müssen.

Da wundert es nicht, dass viele Familien den Gang zum Jugendamt scheuen.

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Nicht dabei

Wisst ihr was?
Teilhabe reicht mir nicht.
Sie kann nur der Anfang sein.

Neulich erlebte ich ein mir seit meiner Kindheit bekanntes Gefühl wieder und habe es geschafft, es endlich, ebenso wie eine immer wieder von meiner Tochter seit ihrer frühen Kindheit wiederholte Äußerung, zu verstehen.

Aufgewachsen in einer nicht begüterten Familie, in der zudem neurologische Besonderheiten, die Wahrnehmung und Reizverarbeitung betreffend, nichts Besonderes sind, fühlte ich mich bis zur Schulzeit völlig dazugehörig und in der gesellschaftlichen Teilhabe nicht eingeschränkt. Es gab oft schwierige Zeiten in der Familie – aber das war unsere Normalität.
Zusammenhalt, Anerkennung, viel Musik und Spaß prägen meine Erinnerung.

In der Grundschule kam ich dann in Berührung mit ordentlichen Familien, in denen alles so war, wie auch im schulischen Lesebuch und anderen Büchern beschrieben. TV spielte noch keine große Rolle damals, aber als Leseratte hatte ich immer gedacht, das sind nur ausgedachte Geschichten mit Menschen, die ein ausgedachtes Zusammenleben haben, mit ausgedachten Problemen, jenseits der Realität.
Nun lernte ich sie also kennen: Familien, in denen jeder ein eigenes Zimmer hatte, in denen die Mutter nicht arbeiten ging, die in Urlaub fuhren und die nie stritten. In denen man lange beleidigt war. Konflikte nicht nach außen dringen durften.
Die Familie meiner besten Freundin hatte sogar Teppichboden in der ganzen Wohnung- das fand ich sehr beeindruckend und gleichzeitig unheimlich: alles dort war gedämpft, sogar die Schritte, die man machte. Aber so schön weich, WOW…

Auf der weiterführenden Schule ( nein, ins Gymnasium wollte ich nicht ) gab es noch mehr dieser sonderbaren Familien. Wir lasen noch mehr unrealistische Geschichten. Meine Klassenkameradinnen sprachen über Hanni und Nanni, Nesthäkchen ( meine Güte…. das Zeug hatte ich Jahre zuvor gelesen ) und ich las ‚Coming of age ‚ – Autobiographien z.B. von Anne Moody, einer afroamerikanischen Aktivistin der Bürgerrechtsbewegung, was meine Mitschülerinnen nicht so interessierte.
Alles, was ich über das ( bürgerliche) Normalo-Leben wusste, hatte ich aus Büchern.
Natürlich kamen darin spezielle Charaktere vor, aber die wurden dann irgendwie als schwierig, nicht ’normal‘ dargestellt.
In Schulaufsätzen gab ich das zum Besten, kassierte Lob für Geschwurbel, das ich für völlig plemmplemm hielt, denn schnell hatte ich ein taktisches Verhältnis zu den LehrerInnen und dem, wofür man gute Noten bekam, entwickelt.
Ich schrieb mit ‚ verstellter Stimme‘. (1)
Die Inhalte aber ließen mich kalt. Ich wurde bewertet mit Maßstäben, die nicht meine waren. Zog mich zurück und irgendwann ging ich nicht mehr hin in diese Veranstaltung, in der ich für das Leben lernen sollte und die so gar nichts mit mir und meinem Leben zu tun hatte.

Hauptschule. Fachlich einfach für mich, sozial anregend.
Emotional sicherer Boden, von dem aus ich meine Flügel wachsen lassen konnte und einen weiteren Ausflug in‘ s Normaloland unternehmen konnte.
Die Zeit dort hat mir Mut gemacht, mir zu holen, was mir zu steht.
Teilhabe…..

Die Oberstufe auf einer Gesamtschule und noch mehr die anschließende Studienzeit waren begleitet von einer inneren Distanz zum inhaltlichen und sozialen Treiben dort.
Ich wusste, dass ich nicht dazu gehörte. Dass ich mir etwas nahm, das andere für sich gepachtet hatten. Und bin bis heute stolz darauf.
Ich habe teil.

Mutterschaft, und alles fängt von vorne an.
Sehen, wie mein Kind in vergleichbarer Weise seinen Platz sucht.
Dafür kämpfen, dass es ihn formal bekommt.
Immer wieder erleben, dass Teilhabe nicht automatisch dort eingelöst ist, wo die unterschiedlichsten Menschen sich lediglich in einer Institution, einem Raum, einer Gruppe aufhalten.

Ich werde nicht gesehen…….

Stimmt mein Kind. Du hattest Recht. Es tut mir leid, dass ich das früher nur wörtlich genommen habe.

In der letzten Woche war Abschiedsfeier in deiner früheren Schule. Du warst nicht dabei und hast es gedauert. Auch mir versetzt es einen Stich ins Herz.
Wieder einmal musste ich dir sagen, dass es ohnehin nur eine Veranstaltung für die gewesen ist, die schon immer gesehen wurden.
Du wärest empört darüber gewesen, wenn schöne Worte in den Abschiedsreden à la ‚ es gab auch mal Probleme, aber die haben wir gemeistert‘ das Leid und die noch immer nicht verheilten Wunden derer, die am Rande der Klassengemeinschaft standen, übertünchten.
Wenn so getan wird, als sei alles im Großen und Ganzen gut gewesen und jede/r hätte einen guten Platz in der Gemeinschaft gehabt.

Eigentlich solltest du eingeladen werden. Fehlanzeige.
Und eigentlich wolltest du nur hin, um wenigstens jetzt, zum Schluss wahrgenommen zu werden. Um zu zeigen, wie du deinen Weg gehst, Raum einnimmst, dich entfaltet hast, sichtbar gemacht hast.
Aber bis dahin musst du noch Geduld haben – in einigen Jahren erst wird für Menschen, die jetzt noch denken ‚ ach, die funktioniert nicht richtig‘ deutlich werden, dass auch ein anderer Weg als der ihre zum guten Leben führen kann.
Deine Zeit wird kommen….

Einzelne, Familien mit einem behinderten oder Neuro-atypischen Familienmitglied, mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, aus armen Verhältnissen Kommende und alle anderen, die nicht aus dem bürgerlichen bzw. vermeintlichen Normalo – Bilderbuch entsprungen sind – für die meisten Menschen sind wir noch immer unsichtbar, selbst wenn wir mitten unter ihnen sind.
Immerhin, in Literatur und Film gibt es zarte Pflänzchen des Wahrgenommen werdens.
Und nicht zu vergessen die vielen Blogs Betroffener, in denen jeder, der sich schlau machen möchte, dies auch tun kann.

Teilhabe ist so viel mehr als dabei sein dürfen.

Anerkennung und Aufgreifen der unterschiedlichen Erfahrungs- und Erlebenswelten aller Menschen. Wird Zeit, dass wir wirklich gesehen werden, und zwar im Alltag.
Im Schulunterricht, den Schulbüchern, an der Uni, in der Arbeitswelt, in Vereinen und der Politik.
Wie weit sind wir davon noch entfernt?

Unsere Diskussionen um Inklusion empfinde ich manchmal als pipifax, auch wenn sie wichtig sind.
Ein paar weitergehende Gedanken als gewohnt hat sich Christian Schneider in seinem Blog jawl.net gemacht.
Lesenswert.

(1) eine Technik, die ich noch heute mit Erfolg gelegentlich im Berufsleben praktiziere 😉

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Logisch flirten, aber wie?

„Wehe, wenn du mich enttäuscht,“ sagte Rosie.
„Ich erwarte permanente Verrücktheit.“

Das Rosie Projekt, Graeme Simsion , Fischer Krüger 2014

Don hat eine Assistenzprofessur am Institut für Genetik.
Gene, sein einziger und bester Freund , ausgewiesener Halodri vom Institut für Psychologie bittet ihn, einen Vortrag über das Asperger -Sydrom für ihn zu übernehmen.
Trotz geringer Vorkenntnisse und einem extrem durchgeplanten Tagesablauf, in den so ein Extra eigentlich nicht passt, übernimmt Don. Nicht ohne Recherche:

Natürlich wurden in den Büchern und Forschungsarbeiten auch die Symptome des Asperger-Syndroms beschrieben, und ich kam zu dem vorläufigen Schluss, dass die meisten davon lediglich Variationen der menschlichen Hirnfunktionen seien, die man unzutreffend als medizinisch auffällig eingestuft hatte, weil sie nicht den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Gesellschaftliche Normen sind dabei jedoch kulturell bedingt und spiegeln nur die gängigsten menschlichen Konfigurationen wider anstatt das gesamt Spektrum.
Der Vortrag war für 19:00 an einer Schule in einem nahe gelegenen Vorort angesetzt. Ich kalkulierte zwölf Minuten für die Fahrt mit dem Fahrrad ein und gab weitere drei Minuten dazu, um meinen Computer hochzufahren und mit dem Projektor zu verbinden. ( S.13 )

Schnell wird dem Leser klar, dass Don mit dem Thema selbst mehr zu tun hat, als er selbst ahnt. Als er seinen Freund bei der Veranstalterin mit Angabe des wahren Grundes – ein Date – entschuldigt, kommt er hinsichtlich der Ausrede in Bedrängnis:

Es scheint mir kaum möglich, eine derart komplexe Situation, in der es um Täuschung und Einschätzung der mutmaßlichen emotionalen Reaktion eines anderen Menschen geht, zu analysieren und dann eine eigene plausible Lüge zu entwerfen, während man gleichzeitig ein Gespräch in Gang halten muss. Aber genau das ist es, was die Leute von einem erwarten. ( S. 16 )

Don macht seine Sache gut.
Die Zuhörer, betroffene Kids, sind begeistert, die Eltern und Veranstalterin eher weniger.

In einem nachfolgenden Gespräch mit der Veranstalterin des Vortrags weist diese ihn darauf hin, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass sie Asperger -Autisten sind. Und während Don noch daran denkt, dass man das doch mit einem Fragebogen ermitteln könnte, bekommt er eine geniale Idee, um eines seiner eigenen, ihm unter den Nägeln brennenden Probleme anzugehen.

Eine Zeitlang haben Gene und Claudia ( Genes Frau, A.d.V.) versucht, mir beim Partnerin- Problem zu helfen. Leider beruhte ihr Ansatz auf dem traditionellen Verabredungsparadigma, das ich bereits aufgegeben hatte, da die Erfolgswahrscheinlichkeit in keinem Verhältnis zu Aufwand und negativen Erfahrungen stand.
Ich bin neununddreißig Jahre alt, groß, durchtrainiert und intelligent, mit relativ hohem gesellschaftlichen Status und überdurchschnittlichem Einkommen als Assistenzprofessor.
Gemäß den Gesetzen der Logik sollte ich für eine ganze Reihe von Frauen attraktiv sein. …….
……Schon immer habe ich mich schwergetan, Freundschaften zu schließen. Und die Mängel, die diesem Problem zugrunde liegen, scheinen auch meine Bestrebungen hinsichtlicher romatischer Beziehungen zu beeinträchtigen.
( S. 9 )

Don beschließt, einen Fragebogen zur Ermittlung der perfekten Ehepartnerin zu entwickeln und geht dabei äußerst akkribisch vor.
Beratung dabei erhält er von seinen Freunden Gene und Claudia.
Mit dem Fragebogen ist es natürlich nicht getan, er muss Frauen finden, die ihn ausfüllen und eine Reihe von realen sozialen Begegnungen in Kauf nehmen.
Die kommunikativen und konventionellen Fallstricke, in denen er sich dabei immer wieder verheddert, hindern ihn nicht, sein Ziel hartnäckig zu verfolgen.

Er lernt die eher chaotische Rosie kennen, die sich von Anfang an als Ehefrau disqualifiziert und ihm seinerseits ihr Projekt, die Suche nach ihrem biologischen Vater, schmackhaft macht.

Wir erleben eine Reihe von tragisch- komischen Ereignissen, in denen Don zum einen über sich selbst hinaus wächst, zum anderen aber seine Grenzen erkennt und schlussendlich zu sich selbst findet.
Letzteres führt jedoch über den Irrweg des sich Verstellens, woran seine Freunde Gene und Claudia mit ihren (neurotypischen) Tipps nicht ganz unschuldig sind und was fast beinahe dazu führt, dass Don seine absolut unpassende Rosie doch nicht bekommt.

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Eine kurzweilige, humorvolle Geschichte mit einer Spur (Selbst?)Ironie erzählt.
Beste Urlaubslektüre.

Und wer jemals mit Asperger-Autisten zu tun hatte oder selbst einer ist, wird so einiges aus seinem eigenen ( Beziehungs-)Leben wieder erkennen.
Aber natürlich komplett unwissenschaftlich.
Daran ändert auch der beste Fragebogen als roter Faden der Geschichte nichts.

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