Ein y für Greta

Zuerst dachte ich: was für ein Medienrummel für eine ganz normale Sache. Denn das ist es doch, wenn sich Jugendliche gesellschaftspolitisch stark engagieren. Und dabei auch zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen.

Ich dachte auch: da wird jetzt wieder so eine Jugendliche vermarktet, weil die Eltern groß rauskommen wollen oder weil das eben so ist in unserer Gesellschaft. Berühmt werden und ein Star zu sein scheint für viele junge Menschen das Beste vom Besten zu sein. Und für die Eltern, die daran verdienen, ebenfalls. Naja, das ist für viele Jugendliche und ihre Familien mittlerweile auch die einzige Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Irgendwo verständlich, wenn auch nicht toll.

Nun habe ich mich ein wenig mehr mit Greta und der berechtigten  Protestwelle befasst.

Greta hat ein gutes Händchen dafür, wie man Menschen anspricht. Sie bringt die Dinge auf den Punkt, bei denen andere Leute herum eiern. Sie scheut sich nicht, dorthin zu gehen, wo die größten Umwelt-Ignorant*innen sitzen. Damit setzt sie sich massiver Kritik aus.

Es wäre doch viel schöner, wenn sie ihre Fundamentalkritik im stillen Kämmerlein,  meinetwegen auch in einer  Jugendorganisation von sich geben würde. Damit kann man gut umgehen. Dafür sind die Jugendgruppen doch da. Alles grundsätzlich infrage stellen, bis man erwachsen ist. Dann vernünftig werden, einer anständigen Arbeit nachgehen und die Träume von früher vergessen.

Politker*innen würde am besten gefallen, wenn sie das in ihrer parteilichen „Junge- XYZ -Organisation“ tun würde. Dann könnte die jeweilige Partei sie ein bisschen hypen und wenn es gut läuft, damit Wähler*innen-Stimmen holen.

Greta macht sich auch deshalb angreifbar, weil sie zu ihrem Autismus steht. Das hat die Welt noch nicht gesehen: eine junge AutistIN schafft es, unsere „normalen“ Jugendlichen zum Engagement inklusive Regelverstöße zu bewegen.

Irritierend

Also da ist jemand Leitfigur, der normalerweise von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen wird. Das ist doch der Hammer. Da kann doch etwas nicht stimmen. So funktioniert unsere Welt doch gar nicht. Ja liebe Leute, ist schwer zu verstehen in einer Welt, die es so gut geschafft hat, Menschen die anders sind als die meisten, zu separieren.

Und dann ist ja dann noch diese eine Kleinigkeit. Greta fehlt das, was die Mehrheitsgesellschaft  mit diesem Phänomen noch versöhnen könnte.

Wenn schon autistische Fähigkeiten, dann bitte getragen von Männlichkeit. Damit könnten wir noch leben:

  • Ein zerstreuter Junior-Professor (Autist, männlich, hochbegabt)
  • Ein erfolgreicher Jungunternehmer ( Autist , männlich, hochbegabt)
  • Ein kreativer Künstler ( Autist, männlich, hochbegabt)
  • Ein leidenschaftlicher Revoluzzer ( Autist, männlich, hochbegabt)

Das alles passt irgendwie in unser Schema. Wir sagen Einstein Autismus nach, ebenso Steve Jobs, Bill Gates, Mozart und Andy Warhole. Von Steven Spielberg und Vernon L. Smith und Karl Lagerfeld wissen wir es.

Aber wer kennt Dr. Prof. Temple Grandin?  Und die vielen anderen autistischen Frauen mit ihren herausragenden Fähigkeiten?

Provokation

Wir können einen Nelson Mandela toll finden, einen Barak Obama, einen Rudi Dutschke…aber wir schaffen es nicht, herausragende Frauen zu bejubeln. Das passt einfach nicht, wenn es um ernsthafte Themen geht. Mode, Lifestyle, Familie – da sind Frauen die vermeintlichen Expertinnen und erhalten dafür  eine „milde“ Wertschätzung. Mischen sich Frauen in die harten Themen ein, so ist Ihnen eines sicher: Man nimmt ihre (jedem Menschen innewohnende) Widersprüchlichkeit in einer Art und Weise auseinander, wie es keinem im Rampenlicht stehenden Mann dieser Welt bisher widerfahren ist. Alice Schwarzer, Sarah Wagenknecht,  Bundeskanzlerin Merkel ( besonders in ihren ersten Politikerin- Jahren) und Hilary Clinton sind gute Beispiele dafür. Schauen wir etwas weiter zurück, so konnte das auch in unseren Breitengraden lebensverkürzend sein.

Ich bräuchte diesen ganzen Personenkult nicht. Für andere Menschen scheint es wichtig zu sein. Aber dafür kann Greta nichts. Und dass sie sich das für ihre Sache zu Nutze macht, kann ihr ja wohl keiner vorwerfen.  Müsste sie ja nicht, wenn andere Menschen von selbst den Arsch hochkriegen würden.

Gretas unangepasstes Äußeres, Ihre Redegewandtheit, ihr gutes Englisch, ihr Intellekt, ihre Bereitschaft, persönliche Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen – das alles sind reine Provokationen. Und natürlich auch ihre autistische Disposition.

Wäre Greta ein Gretus, so würde vielleicht auch an der Aktionsform herum kritisiert werden. Die ach so vernünftige Eltern-Generation legt großen Wert darauf, dass ihre Schulkinder keinen einzigen Schultag verpassen ( außer wg. Fernreisen mit der Familie). Könnte ja das 1ser-Abitur in 4 Jahren gefährden.

Gretus würde trotz Schulschwänzerei eine brillante Zukunft vorausgesagt werden. Mit Sicherheit hätten ihn einige Headhunter schon im Visier.

Die pubertierenden Bengelchen würden mit den Worten beim chillen gestört werden: nimm dir mal ein Beispiel an Gretus, der macht was aus seinem Leben.

Weil die Akzeptanz von Gretus zwar einiges in Frage stellen würde, aber eines nicht: dass Macht und Einfluss männlich sind. Die Sache mit der Behinderung würde man schon irgendwie kaschieren können. Schäuble fährt ja auch unbehelligt im Geld-und Polit- Adel herum.

Zukunftsweisend

Viele Jugendliche scheinen es begriffen zu haben: dass es nicht darauf ankommt, welches Geschlecht man hat. Dass es nicht darauf ankommt, ob man behindert ist oder nicht. Ob man einen deutschen Pass hat. Hier sind offensichtlich Grenzen, die für die Erwachsenen-Generation noch unüberwindbar sind, aufgeweicht. Na klar, viele machen da mit, weil sie keinen Bock auf Schule haben. Das eine schließt aber das andere nicht aus. Jedoch zum Schuleschwänzen braucht man keine Streiks und keine Demos.

Und werft ihnen nicht immer ihr  Konsumverhalten vor. Von wem haben Sie es denn gelernt? Nase fassen, wie man so schön sagt.

Viele Autisten*innen sind längst nicht mehr bereit, im Hinterhof der Gesellschaft zu leben. Andere Menschen mit Behinderung auch nicht. Gewöhnt euch dran.

Übrigens: eine männliche Form des Namens „Greta“ gibt es nicht.

2 Gedanken zu “Ein y für Greta

  1. Bei uns in der Schweiz, sagen die Jungen Wortführer der Klimastreiks, die ganze Problemematik sei in den Schulen, unter den Jugendlichen, schon vor „Greta“ ein Riesen Thema gewesen, aber Greta brachte das Ganze dann richtig zum Brennen. Und das liegt sicher an ihrer Persönlichkeit, sie lässt sich nicht abhalten, umstimmen. Es ist ihre Zukunft, dafür kämpft sie. Und das steckt enorm an.

    Bei uns werden die Streiks, die Demonstrationen jede Woche grösser. Gestern waren sie wieder mal am Samstag, die nächsten Wochen wieder am Freitag.

    Als positiven Nebeneffekt, freue ich mich über eine Jugend, welche ihre Zukunft entschlossen in die Hände nimmt und stark politisiert wird.
    Ich denke Rechte Parteien, werden es das nächste Jahrzehnt bei uns schwer haben 🙂

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